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Der Begriff zweite oder sekundäre Naivität kommt erstmals expressis verbis 1925 bei Peter Wust (1884–1940) vor, der die geistige Autorschaft besitzt. Vermittels der „zweiten Naivität“, Paul Ricoeur nennt sie auch „zweite kopernikanische Wendung“, soll der Mensch die Welt wieder als totale Wirklichkeit erfahren.

Die „zweite Naivität“ besteht darin, eine Geschichte nicht nur zu erzählen, sondern auch deren Erzähltwerden. Die heiligen Schriften werden zunächst einer historisch-kritischen Rezeption unterzogen: als Mythos / Legende betrachtet und auf möglichen historischen Gehalt hin untersucht und so weiter und sofort. Jetzt kommt der Clou: Dann werden dieselben irren Geschichten abermals gelesen, diesmal aber als-ob-wahr = darum „zweite Naivität“. Die zweite Naivität macht sich um all jene Fragen keine Gedanken mehr. Erstaunlich dabei ist: viele Geschichten der Bibel, die vollkommen unhistorisch sind, beginnen eben dadurch theologisch zu reden. Beispiele machen die Sache klar: Im Josephs-Roman, das heimliche Hauptwerk der modernen Theologie wird das Problem an vielen Stellen behandelt. Von Abraham heißt es da, eine „Gottesnot“ habe ihn getrieben. Thomas Mann gibt die Auslegung der Ahnentafel aus dem Buch Genesis (11,10-32) wieder, die auch das Buch Judith (5,6-9a) unternimmt. Dort lehrt Achior: die Stammväter der Juden seien zu Nomaden geworden, weil sie den Göttern ihrer Väter nicht mehr dienen wollten.

Literatur

  • Ernst Simon, Die zweite Naivität, in: ders., Brücken. Gesammelte Aufsätze, Heidelberg 1965
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