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Wehrmacht, mit dem Gesetz über den Aufbau der deutschen Wehrmacht vom 16. 3. 1935 eingeführte amtliche Bezeichnung für die deutschen Streitkräfte, die bis dahin als Reichswehr bezeichnet wurden. Als Staatsoberhaupt war Hitler auch »Oberster Befehlshaber der Wehrmacht«, unter ihm übte zunächst der Reichskriegsminister W. von Blomberg als »Oberbefehlshaber der Wehrmacht« den Befehl über die Wehrmachtteile Heer, Kriegsmarine und Luftwaffe aus. Oberbefehlshaber des Heeres wurde der bisherige Chef der Heeresleitung W. von Fritsch, Oberbefehlshaber der Kriegsmarine der bisherige Chef der Marineleitung E. Raeder, Oberbefehlshaber der Luftwaffe der Reichsminister für Luftfahrt H. Göring. Jeder Oberbefehlshaber erhielt als oberste Kommando- und Verwaltungsbehörde für seinen Wehrmachtteil ein »Oberkommando« (Heer: OKH, Kriegsmarine: OKM, Luftwaffe: OKL). Nach dem erzwungenen Rücktritt Blombergs und der Entlassung Fritschs (Blomberg-Fritsch-Krise) übernahm Hitler am 4. 2. 1938 selbst den unmittelbaren Oberbefehl über die Wehrmacht; als sein Führungsinstrument ließ er das »Oberkommando der Wehrmacht« (OKW) errichten, das aber niemals die Selbstständigkeit der Wehrmachtteile überwinden und die einheitliche Gesamtführung der Wehrmacht übernehmen konnte. Nachfolger Fritschs wurde W. von Brauchitsch. Nach dessen Verabschiedung am 19. 12. 1941 übernahm Hitler auch noch den Oberbefehl über das Heer; am 31. 1. 1943 wurde Raeder durch K. Dönitz ersetzt, am 27. 4. 1945 Göring durch R. Ritter von Greim (* 1892, † 1945).

Nachdem 1933/34 mit der Vergrößerung des Heeres und ersten getarnten Maßnahmen zur Aufstellung von Luftstreitkräften begonnen worden war, vollzog sich der Aufbau der Wehrmacht nach Verkündigung des Gesetzes vom 16. 3. 1935 und der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht in einem sehr raschen, die innere Homogenität und die Ausbildungsqualität beeinträchtigenden Tempo; so wuchs z. B. die Zahl der Heeresdivisionen von zehn bis Anfang 1939 auf 51 und weiter bis 1941 auf 180. Das Offizierskorps vergrößerte sich von (1932) 3 724 auf (1944) 173 706 Mann. Das schnelle Ansteigen der Truppenstärke führte auch zu Ausrüstungsdefiziten, da trotz des Vierjahresplans der Ausbau der Rüstungskapazitäten nur langsam voranging und insgesamt die wehrwirtschaftliche Basis nicht entscheidend vergrößert werden konnte. Die auf 1944 terminierten Ausbauziele einer gigantischen See- und Luftmacht – neben der größten Landstreitmacht mit rund 50 000 Panzern – befanden sich 1939 trotz beschleunigter Bau- und Beschaffungsprogramme erst am Anfang. Die Mobilisierungsstärke zu Beginn des Zweiten Weltkriegs betrug 3,2 Mio. Mann (Heer 2,75 Mio., Luftwaffe 0,4 Mio., Marine 50 000); im Sommer 1943 erreichte der Personalumfang mit über 11 Mio. Mann seinen Höchststand und sank bis Anfang 1945 auf etwa 8 Mio. Insgesamt dienten etwa 17 Mio. Männer in der Wehrmacht; 4,8 Mio. verloren ihr Leben.

Die Wehrmacht, besonders ihr höheres Offizierskorps, war in starkem Maße in den elitär-konservativen und autoritären Traditionen des wilhelminischen Deutschland verwurzelt. Bereits frühzeitig erfolgte, forciert von der obersten militärischen Führung, die »Selbstgleichschaltung« (u. a. durch Einführung des auf Hitler persönlich zu leistenden Eides 1934) und fortschreitende Anpassung an die nationalsozialistische Staatsführung. Gründe hierfür waren eine Teilidentität der Interessen (v. a. Schaffung einer starken Armee und Revision des Versailler Vertrags), die starke soziale und politische Veränderung des Offizierskorps (z. B. die Aufnahme ehemaliger Polizei- und SA-Führer), die Zustimmung zu Kernelementen der nationalsozialistischen Weltanschauung sowie das Ziel der Wehrmacht, ihre Stellung als alleiniger »Waffenträger der Nation« zu sichern.

Die Entscheidung Hitlers, die Macht der SA zu brechen (Röhm-Putsch; 1934), bestätigte zwar die Position der Wehrmacht, diese geriet jedoch infolge der »Blomberg-Fritsch-Krise« 1938 in völlige Abhängigkeit von Hitler. Mit der Aufgabe der »Zwei-Säulen-Theorie« (Wehrmacht/Partei) und zunehmender politischer Indoktrination der Soldaten waren die Voraussetzungen für die Instrumentalisierung der Wehrmacht für die nationalsozialistische Expansionspolitik geschaffen.

Als eine moderne Massenarmee überstand die Wehrmacht fast sechs Jahre totaler und industrieller Kriegführung. Besonders in der ersten Kriegshälfte bewies sie in »Blitzfeldzügen« ihre Überlegenheit im operativ-taktischen Bereich, in der Ausbildung der Truppe und in der Führungskunst, während in der zweiten Kriegshälfte Defizite in der Zusammenarbeit der Wehrmachtteile und v. a. das Versagen in der strategisch-operativen Einschätzung sichtbar wurden. Die teilweise durch brutales Vorgehen und fast 50 000 Todesurteile gegen die eigenen Soldaten erzwungene Kampfkraft noch in der Schlussphase des Krieges trug dazu bei, das verbrecherische nationalsozialistische Regime bis zum 8. 5. 1945 zu stützen.

Besonders in ihrer Eigenschaft als Besatzungstruppe im Zweiten Weltkrieg war die Wehrmacht einerseits in verbrecherische Aktionen von SS, SD, Gestapo und Einsatzgruppen einbezogen; andererseits war sie selbst für Verstöße gegen das Kriegsvölkerrecht verantwortlich, z. B. für unverhältnismäßige Repressalien gegen die Zivilbevölkerung im Zusammenhang mit der Partisanenbekämpfung und für die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen. Vor allem als Reaktion auf die Entwicklung der Kriegslage, aber auch auf die Verstrickung der Wehrmacht mit dem nationalsozialistischen Herrschaftssystem und aus politisch-moralischer Ablehnung des Nationalsozialismus formierten sich im Offizierskorps oppositionelle Gruppen (Widerstandsbewegung), deren Aktivitäten im Attentat auf Hitler und dem Umsturzversuch vom Zwanzigsten Juli 1944 gipfelten. In der Endphase des Kriegs (ab Mitte 1944) wirkte die Wehrmachtführung mit dem Ziel, Auflösungserscheinungen zu verhindern und den Durchhaltewillen zu mobilisieren, immer enger mit dem nationalsozialistischen Regime zusammen, dessen Maßnahmen sich nun auch gegen die eigenen Soldaten richteten. Erst nach dem Selbstmord Hitlers (30. 4. 1945) war die Wehrmachtführung zur bedingungslosen Kapitulation bereit.

Die Siegermächte waren entschlossen, den preußisch-deutschen Militarismus auszulöschen, lösten die Wehrmacht auf und stellten eine Reihe von Generälen und Soldaten als Kriegsverbrecher vor Gericht (Kriegsverbrecherprozesse). Mit der Reintegration von Millionen ehemaliger Kriegsgefangener und Kriegsinvaliden sowie der Wiederbewaffnung der beiden deutschen Staaten in den 50er-Jahren begann eine teilweise heftige Diskussion um die Bewertung der Wehrmacht, die mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Verbrechensproblematik Mitte der 90er-Jahre einen Höhepunkt erreichte. Die Bundeswehr sieht sich nicht in der Tradition der Wehrmacht (Traditionserlass 20. 9. 1982). – Die zahlreichen Urteile wegen Straftatbeständen wie Hochverrat, Landesverrat, Wehrkraftzersetzung und Desertion wurden erst ab 1998 annulliert. Mit dem Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile (NS-AufhG) vom 25. 8. 1998 hob der Bundestag alle Urteile des Volksgerichtshofs und der Standgerichte sowie anderer Gerichte, sofern sie auf bestimmten Gesetzen bzw. Verordnungen basierten oder »unter Verstoß gegen elementare Gedanken der Gerechtigkeit« zu Zwecke »der Durchsetzung oder Aufrechterhaltung des nationalsozialistischen Unrechtsregimes« (§ 1) gefällt wurden, pauschal auf. Mit einem ersten Änderungsgesetz vom 23. 7. 2002 wurden u. a. auch Urteile der Militärgerichte gegen Deserteure pauschal für nichtig erklärt. Schließlich hob der Bundestag mit dem zweiten Änderungsgesetz vom 24. 9. 2009 auch Urteile wegen Kriegsverrats (nach § 57 des damaligen Militärstrafgesetzes) pauschal auf; für diese galt bis dahin noch die Einzelfallprüfung.

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