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Das Totengedenken des Wiener Korporationsringes ist eine Veranstaltung in Wien, die aller Opfer des Zweiten Weltkrieges gedenkt. Sie wird jährlich am 8. Mai, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht vor der Krypta am Heldenplatz in der Nähe der Hofburg abgehalten. Ausrichter sind die Dachorganisation Ring Volkstreuer Verbände (RVV) und der Wiener Korporationsring (WKR), ein Zusammenschluss von Studentenverbindungen aus Wien.

Das Totengedenken wird seit 2002 von massiven Demonstrationen und Polizeieinsätzen begleitet. Mehrheitlich wird der 8. Mai als historischer Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus angesehen.

Der Begriff „Heldengedenken“ wurde von Medien und politischen Gegnern der Veranstaltung geprägt und war nie eine offizielle Bezeichnung.

Geschichte

In den 1990er Jahren begannen einzelne Mitgliedsverbindungen des Wiener Korporationsringes (WKR) jeweils zum 8. Mai jeden Jahres Totengedenken in Wien zu organisieren.[1] 1996 war es die Wiener akademische Burschenschaft Albia, die zur Veranstaltung in der Mölker Bastei, auf dem Heldenplatz und zur Kranzniederlegung aufrief.[1] In den darauffolgenden Jahren kamen die Wiener akademische Burschenschaft Aldania, die Akademische Verbindung Wartburg zu Wien, die Akademische Grenzlandsmannschaft Cimbria zu Wien, die Wiener akademische Burschenschaft Libertas und die Akademische Burschenschaft Oberösterreicher Germanen in Wien zum Zug.[1]

Störungen traten bis 2002 nur vereinzelt auf, wie 2000 durch eine Demonstration des Kommunistischen Studentenverbandes aus Wien.[1] 2002 forderte der Bürgermeister von Wien Michael Häupl (SPÖ) Innenminister Ernst Strasser (ÖVP) dazu auf, die Veranstaltung zu untersagen.[1] Die österreichische Vizekanzlerin und FPÖ-Bundesparteiobfrau Susanne Riess-Passner empfahl aufgrund von Sicherheitsbedenken eine örtliche Verlegung des Totengedenkens.[2] Daraufhin meldete sich die akademische Zunft unterschiedlich zu Wort, so unterstützte der Wiener Verfassungsrechtler Theo Öhlinger ein Verbot der Veranstaltung, wohingegen Christoph Grabenwarter, Ordinarius in Bonn, keine Aussichten auf Erfolg sah.[1] Rechtliche Bedenken gebe es beispielsweise wegen jüngster Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts in Deutschland.[1] Nach einer Umfrage des Magazins Format sprachen sich insgesamt 62 Prozent der österreichischen Bevölkerung für das Stattfinden des Totengedenkens aus.[1] Die massiv gestörte Veranstaltung von 2002 sah der Historiker Gerhard Jagschitz exemplarisch als außerparlamentarische Konfrontation von politischer Linken und Rechten in Österreich.[3] Alfred Gusenbauer, Bundesparteivorsitzender der SPÖ sprach von einer „Neonazi-Kultveranstaltung“.[3] Gegen diese Behauptung wehrten sich die FPÖ-Politiker und Alte Herren Herbert Haupt, Jörg Haider, Ewald Stadler, Martin Graf und Wolfgang Jung, Reinhart Waneck in einem Schreiben.[3] Verleumdungsklagen ergingen gegen die führenden SPÖ-Politiker Josef Cap, Michael Häupl und Doris Bures.[4]

2002 grenzte sich der katholische Österreichische Cartellverband (CV) vom Totengedenken ab.[5]

Mehr als 350 Teilnehmer besuchten im Jahr 2004 das Totengedenken am Heldenplatz, zu dem FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache als Hauptredner geladen war.[6] Grabmal des unbekannten Soldaten Im Jahr 2005 sagte kurzfristig der FPÖ-Europapolitiker Andreas Mölzer die angekündigte Festrede mit der Begründung, es handle sich um eine Veranstaltung im „kleinen Rahmen mit privatem Charakter“, ab.[7] Daraufhin entfiel bis auf eine Kranzniederlegung von 100 Personen am Grabmal des unbekannten Soldaten im Äußeren Burgtor am Heldenplatz das eigentliche Totengedenken.[7] Insgesamt 1.000 Demonstranten fanden sich unter dem Motto „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ ein.[7]

2007 und 2008 wurde das Totengedenken im kleineren Kreis an den Deutschmeisterplatz verlegt.[8][9]

Erneut wurde 2011 der Heldenplatz als Veranstaltungsort ausgemacht.[10] Die Wiener akademische Burschenschaft Olympia war für die Organisation zuständig; FPÖ-Bundesparteiobmann Heinz-Christian Strache sollte als Hauptredner sprechen.[10] Der Grünen-Politiker Karl Öllinger hielt Strache vor: „Ausgerechnet am Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus sichert sich FPÖ-Obmann Strache mit einer Rede auf dem Heldenplatz die Unterstützung von Rechtsextremisten und Neonazis“.[6] Die SPÖ-Politikerin Laura Rudas sprach von einem „Skandal“.[6] Auch Ariel Muzicant, SPÖ-Mitglied und Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, empörte sich.[11] Strache wies die Kritik mit den Worten „Riesenfrechheit" und „miesen Unterstellung“ von sich und betonte, dass aller Toten gedacht würde.[12] Er führte aus, dass die Teilnehmer „honorige Persönlichkeiten, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden der österreichischen Verfassung“ stehen und „Krieg etwas Entsetzliches und die Verbrechen der Nationalsozialisten unbestritten“ sei.[11] Strache sagte letztendlich seine Rede ab.[13] Der FPÖ-Politiker Wolfgang Jung vertrat ihn beim Totengedenken vor über 300 Teilnehmern u.a. Johann Gudenus, John Gudenus und Martin Graf;[13] ca. 700 linke Demonstranten folgten den Aufrufen der Sozialistischen Jugend Österreich, der Grünen und der Israelitischen Kultusgemeinde.[14][12] Die Absage des Hauptredners Strache 2011 löste nach Einschätzung der Tageszeitung Die Presse eine „Wertedebatte“ aus,[15] die von Wissenschaftlern, unterschiedlichen Politikern und Journalisten u.a. zwischen Georg Zanger, Sieglinde Rosenberger und Wolfgang Jung im ORF-Format Club 2 ausgetragen wurde.[16] Außerdem gründete sich das überparteiliche Natzwerk Jetzt Zeichen setzen, das gegen das Totengedenken und den Wiener Korporations-Ball Initiative ergriff.[17]

2012 nahmen keine FPÖ-Politiker als Redner am Totengedenken teil.[18] Bis zu 1.200 Demonstranten (darunter Funktionäre von SPÖ, Grünen und ÖGB) störten das Gedenken mit Lärm und Knallkörpern.[19] Eine eigene Veranstaltung wurde vom Österreichischen Cartellverband (ÖCV) und Mittelschüler-Kartell-Verband (MKV) organisiert.[19] Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) und Michael Spindelegger (ÖVP) kritisierten das Totengedenken in ihren Reden im Bundeskanzleramt.[19] „Fest der Freude“ am 8. Mai 2013 auf dem Heldenplatz Auf Anordnung der rot-schwarzen Regierungsparteien wurde 2013 der Heldenplatz für eine Mahnwache des Bundesheeres inklusive eines Festkonzertes der Wiener Symphoniker als „Bekenntnis zu Demokratie und Freiheit in Österreich“ in Anspruch genommen;[20] WKR und RVV verzichteten auf eine eigene Veranstaltung und wohnten als „stille Teilnehmer“ bei.[21]

Hauptredner

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 1,7 Werner Beninger, Hans Werner Scheidl: „Rechtes“ Totengedenken auf dem Heldenplatz am 8. Mai, „linke“ Gegendemos – erst am 7. Mai will die Wiener Polizei entscheiden. In: Die Presse, 3. Mai 2002.
  2. Klaus Dutzner: „Ohne uns rot-grünes Chaos“ (Interview). In: Format, 18/2002.
  3. 3,0 3,1 3,2 Norbert Stanzel: Frivole Zündelei. In: Kurier, 4. Mai 2002.
  4. Österreich ist eine Staatsnation. In: Der Standard, 11. Mai 2002.
  5. Thomas Mathoi: Haben sie das nötig? In: Tiroler Tageszeitung, 18. Mai 2002.
  6. 6,0 6,1 6,2 Aufregung um Straches Rede auf dem Heldenplatz. In: Die Presse, 6. Mai 2011.
  7. 7,0 7,1 7,2 Burschenschafter ließen Totengedenken entfallen. In: Salzburger Nachrichten, 9. Mai 2005.
  8. Umstrittenes Totengedenken. In: Wiener Zeitung, 8. Mai 2007.
  9. Totengedenken vor dem Ministerium. In: Der Standard, 7. Mai 2008.
  10. 10,0 10,1 Strache redet bei Heldenehrung der Burschenschafter. In: Der Standard, 8. April 2011.
  11. 11,0 11,1 Michael Sprenger: Straches Totengedenken „vor lauter honorigen Herren". In: Tiroler Tageszeitung, 7. Mai 2011
  12. 12,0 12,1 Aufstand gegen das Geschichtsbild der Rechten Strache sagte Auftritt bei Burschenschafter-Kundgebung im letzten Moment ab. In: Der Standard, 9. Mai 2011.
  13. 13,0 13,1 Strache sagte umstrittene Rede ab. In: Tiroler Tageszeitung, 9. Mai 2011.
  14. Heftige Proteste gegen Totengedenken, ORF.at, 8. Mai 2011.
  15. Philipp Aichinger: FPÖ: „Die Volksverbundenheit ist unabdingbar“. In: Die Presse, 12. Mai 2011.
  16. Wie rechts ist Österreich? Club 2 (ORF), 11. Mai 2011, Gastgeber: Peter Rabl, Gäste: Hans Jörg Schimanek, Georg Zanger, Nina Horaczek, Wolfgang Jung, Sieglinde Rosenberger
  17. Milena Borovska: Zeichen setzen gegen Rechtsextremismus. In: Die Presse, 18. Januar 2012.
  18. Gegen das Vorbeischwindeln an der Schuld. In: Tiroler Tageszeitung, 9. Mai 2012.
  19. 19,0 19,1 19,2 Lauter Protest gegen „Totengedenken“, ORF.at, 8. Mai 2012
  20. Peter Mayr: Symphoniker gegen „Totengedenken“ der Burschenschafter, In: Der Standard, 9. April 2013.
  21. Burschenschafter als „stille Teilnehmer“ bei Gedenken am 8. Mai. In: Der Standard, 7. Mai 2013.
  22. „Ich hatt’ einen Kameraden“ am Heldenplatz. In: Die Presse, 9. Mai 2003.
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