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Scientabilität ist ein von den Wissenschaftsjournalisten Dr. Christian Weymayr und Nicole Heißmann geprägtes Konzept zur Beurteilung von Para- und Pseudowissenschaften.

Aussage

Weymayr formuliert das Konzept der Scientabilität in dem Interview von Stephan Angene wie folgt:

„Bevor man klinische Studien macht, sollte man prüfen, ob das Medikament oder das Verfahren den bekannten Naturgesetzen widerspricht. Wenn Naturgesetze verletzt werden, haben klinische Studien keinen Sinn. Im Gegenteil, es ist gefährlich, weil zwangsläufig auch Studien mit positiven Ergebnissen zu erwarten sind, die dann über- oder missinterpretiert werden.[1]

Weymayr, Christian: Interview mit Dr. Christian Weymayr, Autor des Buches „Die Homöopathie-Lüge“ (Teil 2)

In Grundzügen wurde diese Idee schon von Harriet Hall auf der internationalen World Sceptics Conference als „blinder Fleck der EbM“ formuliert.

Notwendigkeit

Weymayr und Heißmann gehen bei der Scientabilität von einer sogenannten „Evidenzpyramide“ aus, welche die einzelnen Schritte der Erkenntnisgewinnung zu neuen Medikamenten, also herkömmlichen medizinischen Verfahren zeigt: von den Experimenten, die nicht an Menschen durchgeführt werden – Grundlagenexperimenten, Zellkulturversuchen und Tierversuchen – zum zweiten Teil, den an Menschen durchgeführten Versuchen: von Fallbericht und Fallkontrollstudie über Kohortenstudie und RCT bis zum Review, der höchsten Instanz der Evidenz basierten Medizin (EbM). Zu keinem Medikament würde, so Weymayr, eine Kohortenstudie durchgeführt werden, das sich bereits bei Versuchen mit Zellkulturen als unwirksam erwiesen hat.

Des Weiteren führen sie sogenannte „positive“ und „negative Evidenz“ ein, wobei die positive Evidenz, die Aussage von den genannten Experimenten, eine Methode oder ein Medikament seien wirksam, von Review hin zu Grundlagenexperiment abnimmt, während die negative Evidenz, die anhand solcher Experimente gewonnene Erkenntnis, ein Medikament oder eine Methode seien unwirksam, von oben nach unten zunimmt.

Bei randomisierten, Placebo kontrollierten Doppelblindstudien (RCT) gilt das Ergebnis als statistisch signifikant, wenn die Wahrscheinlichkeit eines Irrtums bei 5 % und niedriger liegt. Das hat jedoch in Kombination mit der positiven Evidenz zur Folge, dass es Para- und Pseudowissenschaften, wie der Homöopathie, mit der sich Weymayr und Heißmann intensiv beschäftigt haben, und bei denen die EbM meistens erst ab den RCTs zu forschen anfängt, möglich ist, bei genug Studien den Anschein einer Wirksamkeit zu erwecken, auch wenn sie millionenfach belegten naturwissenschaftlichen Gesetzen widersprechen.[2] Bei dem Außer-Acht-Lassen von Grundlagenexperimenten spricht Weymayr von einer „Black Box“[3] und dem EbM-Paradoxon, dem „unbedingten Vertrauen in die Methodik trotz Wissen um ihre Fehleranfälligkeit“.[3]

Daher sehen Weymayr und Heißmann die Notwendigkeit, dass die Betrachtung von Para- und Pseudowissenschaften erst dann durch Studien erfolgen darf, wenn der Einklang mit bestehenden naturwissenschaftlichen Gesetzen bewiesen ist, da Studien mit der Wahrscheinlichkeit eines Fehlers von 5 % gar nicht die Aussagekraft haben, Naturgesetze zu wiederlegen.[2]

Ein gutes Beispiel für die Notwendigkeit der Scientabilität ist der Umgang der Homöopathie mit dem Review der Cochrane Collaboration, einer der höchsten Instanzen der EbM, zu „Homöopathischer Medizin bei nachteiligen Effekten von Krebs-Therapien“ (im Original: „Homeopathic medicines for adverse effects of cancer treatments“), in dem es heißt: „Two studies with low risk of bias demonstrated benefit.“ „Zwei Studien mit geringem Risiko von Verzerrungen zeigten einen Nutzen.“[4] Daraus wird in einem Reader zur Homöopathie-Forschung, herausgegeben vom Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ): „Die Tatsache, dass sowohl doppelblind-randomisierte Studien als auch Studien aus der Versorgungsforschung zeigen, dass die Homöopathie über einen reinen Placeboeffekt hinaus wirkt, macht weitere Forschung nötig. Diese Auffassung vertritt auch die Cochrane Collaboration.“[5] Und auf der Homepage des DZVhÄ heißt es: „Studien belegen die Wirksamkeit der Homöopathie.“[5] Dieses Beispiel zeigt deutlich, so Weymayr, wie leichtfertig der Umgang mit Studien ist und wie leicht Studien einen falschen Eindruck von Wirksamkeit erwecken können.[3] Weymayr begründet die Einführung des Konzepts außerdem dadurch, dass seiner Meinung nach: „Klinische Studien, die gesicherte[n] Erkenntnisse[n] aus Grundlagenexperimenten negieren […] kontraproduktiv [sind], weil sie wissenschaftliches Denken untergraben.“[3]

Diskussion

Contra

Der Scientabilität-Kritiker, Skeptiker, Journalist und Psychologe Sebastian Bartoschek beschreibt in dem Beitrag „Scientabilität – eine Gegenrede“ in seinem Blog fünf Argumente, wieso er gegen die Einführung der Scientabilität ist:

  1. Einzelne Studien haben keine große Aussage, denn der Effekt von einzelnen Studien, falsche positive Aussagen zu geben, wird durch Metaanalysen geschwächt und die Problematik, dass Homöopathie-Befürworter nur einzelne Positiv-Studien zitieren, ist kein Problem der Methodik, sondern der Wissenschaftskommunikation: Wissenschaftler geben Laien, die sich für Studien interessieren, nicht genug Möglichkeiten, die fehlende Aussagekraft einzelner Studien zu beurteilen.
  2. Die Widerlegung falscher Interpretationen der Naturgesetze seitens der Homöopathie-Befürworter würde ebenso ermüdend, zäh und ergebnislos ausfallen wie die Widerlegung falscher Interpretationen von Studien.
  3. Auch im naturwissenschaftlichen Bereich werden Effekte beobachtet, die zunächst ohne theoretischen Überbau oder plausibles Wirkkonzept stehen, dann aber belegt werden. Auch solche Theorien würden dann, so Bartoschek, voreilig ausgeschlossen werden.
  4. Ein Konzept wie die Scientabilität dürft man nicht nur auf die Homöopathie, sondern müsste es auf alle zukünftigen medizinischen und auch naturwissenschaftlichen Entdeckungen und Hypothesen anwenden. Dabei ergibt sich die Gefahr, zukünftigen Umstürzungen der Lehrmeinung im Weg zu stehen: „Die Scientabilität würde in solchen Auseinandersetzungen sehr leicht als Kampfbegriff benutzt werden können, um eine Minderheitenmeinung mundtot zu machen.“
  5. Ein Beweis bleibt ein Beweis, die wissenschaftliche Methode der EbM ist wissenschaftlich, gerade weil sie verschiedene Meinungen zur Überprüfung zulässt und nicht einige Meinungen schon von vornherein ausschließt.[6]

Pro

In einem Gespräch zwischen Sebastian Bartoschek und Dr. Christian Weymayr bei Ruhrbarone nimmt Weymayr dazu Stellung:

  1. Metastudien seien nicht aussagekräftig genug, da viele Studien mit negativem Ergebnis nicht veröffentlicht werden, also könne man in Metastudien gar nicht abschätzen, wie viele positive Ergebnisse es wirklich gibt. Außerdem sei diese Problematik vielen Leuten, die mit den Studien erreicht werden sollen, nicht bewusst und auch Metaanalysen können dadurch zum falschen Ziel, der scheinwissenschaftlichen Untermauerung von Pseudowissenschaften führen.
  2. Grundlagenexperimente seien wesentlich leichter reproduzierbar, es gäbe weniger Faktoren, die zur Verzerrung des Ergebnisses beitragen, so z.B. Aussagen von Testpersonen, ob sich der Schmerz reduziert habe, was eine subjektive Einschätzung sei.
  3. Scientabilität sei nicht dazu da, Effekte ohne theoretisches Wirkmodell zu leugnen, sondern die Möglichkeit von Effekten, die im Widerspruch zu existenten und bewiesenen theoretischen Modellen stehen, auszuschließen.
  4. Auch neue medizinische und naturwissenschaftliche Lehrmeinungen dürften nicht im Widerspruch zu den alten stehen, wenn diese widerspruchsfrei belegt sind: große Umwälzungen wie das heliozentrische Weltbild [[Galileo Galilei|Galileis] und große Neuheiten ohne unterstützendes Theoriengebäude wie die Röntgenstrahlen hätten nicht im Widerspruch zu widerspruchsfrei belegten Theorien gestanden: die Bibel, gegen die Galilei sprach, wäre nicht belegt und Röntgenstrahlen seien durch keine Theorie an der Existenz gehindert worden, so Weymayr.[7]

Literatur

Siehe Auch

Einzelnachweise

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  1. Interview mit Dr. Christian Weymayr, Autor des Buches „Die Homöopathie-Lüge“ (Teil 2) – Nachdenken...bitte. In: nachdenken-bitte.de. Abgerufen am 23. Oktober 2013 (Skriptfehler).
  2. 2,0 2,1 “Die Homöopathie-Lüge” – Ein Interview (Teil 1) @ gwup – die skeptiker. In: blog.gwup.net. Abgerufen am 23. Oktober 2013 (Skriptfehler).
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 Vortrag von Dr. Weymayr auf der SkeptCon 2012 in Köln
  4. Homoeopathic medicines have uncertain benefits in treatment of adverse effects of cancer treatments – Cochrane Primary Health Care Field. In: cochraneprimarycare.org. Abgerufen am 23. Oktober 2013 (Skriptfehler).
  5. 5,0 5,1 Presse Deutscher Zentralverein homöopathischer Ärzte – www.dzvhae.de. In: dzvhae.de. Abgerufen am 23. Oktober 2013 (Skriptfehler).
  6. Scientabilität – eine Gegenrede. In: sebastian-bartoschek.de. Abgerufen am 23. Oktober 2013 (Skriptfehler).
  7. Herr Dr. Weymayr: Scientabilität – tut das weh? – Ruhrbarone. In: ruhrbarone.de. Abgerufen am 23. Oktober 2013 (Skriptfehler).
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