FANDOM


Russische Rückständigkeit ist ein in der westlichen Welt entstandenes und von dort aus verbreitetes nationales Stereotyp. Wegen seines häufigen Auftretens und seines Schlagwortcharakters gilt es als politischer Mythos für die kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und Westeuropa während der letzten fünf Jahrhunderte. Der Begriff geht immer von einer zu erreichenden (begehrenswerten, vorbildlichen) Norm des fortschrittlichen Westeuropas aus, von der Russland abweicht. Somit wird dieses als verspätet, unterentwickelt und rückständig bezeichnet. Der Begriff wird rückblickend von einigen zeitgenössischen deutschsprachigen Historikern wie Manfred Hildermeier (2013) verwandt.[1]

Ursprung

Ursprünge für einen Rückständigkeitsbegriff lassen sich bereits ab dem Mittelalter in Westeuropa finden. Im 16. Jahrhundert wird der Begriff noch flexibel austauschbar mit Attributen wie barbarisch, nordisch und asiatisch bezeichnet. Die Verwendung kennzeichnet eine überhebliche Haltung westeuropäischer Reisender und Intellektueller in Verbindung mit kulturellen Missverständnissen (vgl. u. a. Siegmund von Herberstein).

Ausgebaut wurde das Konzept der russischen Rückständigkeit während der westeuropäischen Aufklärung im 18. Jahrhundert, wo es mit dem neuaufkommenden Osteuropa-Begriff das Gegenstück zum westeuropäischen Zivilisations- und Kulturbegriff bildet. Innerhalb Russlands führte die Auseinandersetzung mit dem Rückständigkeitsvorwurf Westeuropas besonders unter Peter I. (Petrinische Reformen) und Katharina II. zu vielen Versuchen der Europäisierung, die in der Beschäftigung mit aus Westeuropa stammenden philosophischen Theorien, historischen Schriften, Staatsmodellen oder Utopien (u. a. Kant, Hegel, Schelling) ihre Anfänge und unter dem Anstoß von Pjotr Tschaadajew ihre stärkste Ausprägung in den sogenannten russischen Westlern gegen Mitte des 19. Jahrhunderts fand.

Literatur

  • Mechthild Keller: Russen und Rußland aus deutscher Sicht, Band 1–4. Wilhelm Fink Verlag, München 1987 - 2000

Einzelnachweise

  1. Manfred Hildermeier: Geschichte Russlands. Vom Mittelalter bis zur Oktoberrevolution. Verlag C. H. Beck, München 2013; siehe: Rezension von Ulrich M. Schmid: Eine neue Geschichte Russlands. Zwischen Triumph und Katastrophe. NZZ online, 12. Juni 2013
Nutzung von Community-Inhalten gemäß CC-BY-SA , sofern nicht anders angegeben.