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Analog zum körperlichen Immunsystem kann auch ein psychisches Immunsystem angenommen werden, das psychische Erkrankungen abwehrt oder wie mit unsichtbarer Hand zur Heilung psychischer Erkrankungen beiträgt.[1]

Schon Anna Freud beschäftigte sich mit den Abwehrmechanismen der Psyche.[2] Sie leitete damit eine Entwicklung ein, die den Fokus von dem unreifen, triebhaften, unbewussten ES zum reiferen, realitätsorientierten, bewussten ICH lenkte. Dieses Ich war quasi die selbstregulatorische Instanz, die Triebregungen mit Anforderungen der Realität und ethisch-moralischen Ansprüchen ausbalancierte und dadurch gewisserma?en psychische Gesundheit (wieder-)herstellte.

Die Idee, dass es nicht nur wichtig ist zu verstehen, wie Krankheiten entstehen, also die Pathogenese, sondern auch wie Heilung entsteht, die Salutogenese, beschäftigte den Medizinsoziologen Aaron Antonovsky.[3] Er stellte abweichend von der klassischerweise auf Defizite orientierten Aufmerksamkeit die wichtige Frage, warum Menschen gesund bleiben, wie sie Gesundheit generieren.

Bereits in den 1990-er Jahren richtete Martin Seligman seine Aufmerksamkeit auf die Stärken, Tugenden, Ressourcen und Kompentenzen der Menschen und begründete damit die "Positive Psychologie". Ressourcen wurden als inhärenter Bestandteil jeder Psyche angesehen, die aktiviert werden mussten, um eine Heilung "wie von selbst" zu bewirken.

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts, besonders jedoch in den letzten Jahren erlebte die Resilienzforschung einen regelrechten Boom. Resilienz wird als die Fähigkeit angesehen, nach widrigen Ereignissen wieder aufzustehen, auf Störungen des Systems mit Aktivierung von Ressourcen und positiver Anpassung zu reagieren und sie für die persönliche Weiterentwicklung zu nutzen.

Hier knüpft auch das Konzept der Posttraumatischen Reifung[4] (engl.: posttraumatic growth) an. Posttraumatisches Wachstum bedeutet, dass einige Menschen an traumatischen Ereignissen "reifen" und weiser werden, sie lernen, das Leben, Beziehungen, die eigenen Stärken und Möglichkeiten mehr und besser (ein-)zu schätzen.

Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk unterscheidet neben dem biologischen und psychologischen Immunsystem noch ein Sozio-Immunsystem, das "die juristischen und solidaristischen, aber auch die militärischen Praktiken" umfasst, mit denen sich eine Gesellschaft gegen potentielle Agressoren verteidigt.[5]

Der Psychologe und Neurowissenschaftler Hans Menning führt diese Konzepte unter dem Dach des psychischen Immunsystems zusammen und erläutert, woraus sich ein solches System zusammensetzen müsste und wie es funktionieren könnte. Die Kraftquellen des psychischen Immunsystems sind kognitive, emotionale, motivationale und andere, vor allem soziale Ressourcen, sie sind gewißermassen die Wurzeln, aus denen sich das System speist. Sie werden danach unterschieden, ob es lernbare Kompetenzen, Fähigkeiten oder grundlegendere Haltungen sind. Aus diesen Kraftquellen (Gute Emotionen, Selbstmotivation, Einfachheit, Optimismus, Intelligenz - auch emotionale und soziale, ein gesundes soziales Netzwerk, Beziehungen, Fokussierung, Achtsamkeit, Lernlust (s. Menning, 2015, S. 23)) erwachsen Resistenzen, Widerstandskräfte, die Attacken auf das Ich automatisch abwehren (S. 25). Daraus entwickelt sich Resilienz, die Fähigkeit, sich generell nach widrigen Ereignissen wieder aufzurichten und Ressourcen zu aktivieren, die zur Bewältigung der aktuellen Lebensaufgabe nötig sind. Das Ganze mündet in eine Art Reifung oder Wachstumssinn, der die Nährstoffe aus den Wurzeln (Ressourcen) bis in die Krone treibt und zum Gedeihen, Erblühen und Entfalten des Gesamtsystems führt.

Einzelnachweise

  1. Menning, H. (2015). Das psychische Immunsystem - Schutzschild der Seele. Reihe: Systemische Praxis Bd. 4, Hogrefe Verlag, Göttingen
  2. Freud, A. (1964). Das Ich und die Abwehrmechanismen. Kindler, München.
  3. Antonovsky, A. (1997). Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit, dgvt-Verlag Tübingen.
  4. Tedeschi R. G. und Calhoun L. G. (1995). Trauma and transformation: Growing in the aftermath of suffering. Newbury Park, Sage Publications Ltd.
  5. Sloterdijk, P. (2009). Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik. Suhrkamp, Frankfurt am Main.
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