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Portrait Martin Luthers (1529)

Luther, Martin, Theologe, * Eisleben 10. 11. 1483, † ebenda 18. 2. 1546; löste die Reformation im deutschsprachigen Raum aus und war ihr maßgeblicher Vertreter; Sohn des Bergmanns Hans Luder (auch Ludher, später Luther; * 1459, † 1530) und dessen Frau Margarethe, geborene Lindemann (* 1459, † 1531). 1484 siedelte die Familie nach Mansfeld über, wo es der Vater als Hüttenmeister im Kupferschieferbergbau zu einem gewissen Wohlstand brachte.

Lehre

Luthers Theologie ist Kreuzestheologie, Basis seines theologischen Denkens die Erfahrung der Rechtfertigung des Sünders allein durch den Glauben. Die Stellung des Menschen vor Gott gründet sich nicht in einer (sittlichen) Leistung, sondern allein in der gläubigen Hinnahme des gerechten Urteils Gottes über ihn. Wenn der Mensch sein Ungenügen und sein Versagen erkennt, sich vor Gott als Sünder bekennt und ihn um Barmherzigkeit und Gnade anruft, dann darf er sich – trotz all seiner Sündhaftigkeit – der »gerecht« machenden Gnade Gottes (der Gerechtigkeit Gottes) gewiss sein. Vermittelt wird die Rechtfertigung allein durch Jesus Christus, der Gott und Mensch zugleich war und für die Sünden der Menschen am Kreuz gestorben ist. Der einzelne Mensch kann weder zu dieser Rechtfertigung in Jesus Christus von sich aus etwas beitragen, noch kann er sich seiner Sündhaftigkeit entziehen. Ohne die Rechtfertigung bliebe er allerdings trotz größtem (sittlichem) Bemühen zeit seines Lebens in seinem Denken, Fühlen und Handeln ein Gefangener (»Knecht«) der Sünde. Vor Gott bleibt er Sünder auch als Gerechtfertigter (»simul iustus et peccator«), kann jedoch aufgrund der Gnade Gottes gewiss sein, dass er, wenn er glaubt, das Heil erlangt. Grundlegend ist dabei die Erkenntnis, dass Gott nicht den Gerechten, sondern den Sünder sucht.

Dieses Verständnis der Rechtfertigung, das sich zwar auf die theologische Tradition (Paulus, Augustinus) berufen konnte, diese jedoch radikalisierte, indem es die Rechtfertigung ausschließlich und unmittelbar in Jesus Christus begründete und damit die Kirche und ihre Einrichtungen als Vermittlungsinstanzen aufhob, musste zum Gegensatz mit der realen Kirche führen. Indem Luther die Bibel als »Wort Gottes«, in dem sich das Heilshandeln Gottes in Jesus Christus offenbart, über die Autorität des kirchlichen Lehramtes stellte, steigerte sich dieser Gegensatz zum Normenkonflikt. Die Heilige Schrift wurde zum Maßstab aller kirchlichen Vollzüge. Die wesentlichen Elemente der Theologie Luthers lassen sich damit auf die Formel bringen: solus Christus, sola fides, sola gratia, sola scriptura (allein Christus, der Glaube, die Gnade, die Schrift).

Von den sieben Sakramenten der mittelalterlichen Kirche behält Luther nur Taufe und Abendmahl bei, weil er allein für sie einen zureichenden Grund in der Schrift findet. In der Abendmahlslehre lehnt er die Anschauung von der stofflichen Verwandlung des Brotes und Weines in Leib und Blut Jesu Christi (Transsubstantiation) ab, hält aber gegen Zwingli an der wirklichen Gegenwart (Realpräsenz) von Leib und Blut fest. Den Opfercharakter der Messe lehnt er ab und betont den Aspekt der Versammlung der christlichen Gemeinde um Gottes Wort und Sakrament.

Christliche Existenz ist für Luther Nachfolge des Gekreuzigten. Zu ihr sind alle Christen berufen, wobei der geistliche Stand Gott nicht nähersteht als der weltliche (Priestertum der Gläubigen). Die Rechtfertigung befreit den Menschen zu einem vor Gott verantworteten und von ihm gewollten freien Handeln in der Welt, dessen Ausdruck der Dienst am Nächsten ist. Dabei bilden gesellschaftlicher Stand, Beruf und Familie die konkreten »Orte«, an die Gott die Menschen gestellt hat, ihren Glauben zu bewähren. Vor diesem Hintergrund findet u. a. die Ehe eine neue positive Bewertung. Luthers Auffassungen von der staatlichen Obrigkeit (dem »weltlichen Regiment«) als des von Gott eingesetzten Garanten der äußeren (Rechts-)Ordnung der Welt und der Kirche als Trägerin des »geistlichen Regiments« fanden ihren Ausdruck in der Zweireichelehre.

Leben und Wirken

Seine Schulbildung erhielt Luther in Mansfeld, Magdeburg und Eisenach. Seit 1501 besuchte er die Universität Erfurt, absolvierte die Artistenfakultät und begann 1505 nach dem Magisterexamen auf Wunsch seines Vaters das Studium der Jurisprudenz, das er jedoch bereits nach zwei Monaten abbrach. Der Sinneswandel ist nach Überlieferung auf das Erlebnis eines schweren Gewitters zurückzuführen, in das Luther auf seinem Rückweg nach Erfurt geriet: Ein Blitz schleuderte ihn zu Boden, in Todesangst rief er die heilige Anna an und gelobte Mönch zu werden. Dieses Versprechen erfüllte er zwei Wochen später (17. 7. 1505) mit seinem Eintritt ins Kloster der Augustinereremiten in Erfurt. In der Folge führte er ein strenges Mönchsleben. 1507 empfing Luther die Priesterweihe und nahm das Studium der Theologie auf, in dem er in seinem theologischen Denken wesentliche Anregungen seitens der v. a. durch G. Biel geprägten Erfurter Nominalistenschule empfing (besonders deren scharfe Trennung von Vernunft und Glaube). 1510/11 wurde Luther in Ordensangelegenheiten nach Rom gesandt. Von dort zurückgekehrt, wurde er in den Konvent von Wittenberg versetzt, wo er bereits früher aushilfsweise an der Universität Vorlesungen gehalten hatte. Er promovierte 1512 zum Doktor der Theologie und übernahm als Nachfolger des Generalvikars J. von Staupitz die Professur für Bibelauslegung.

Eng verbunden mit seiner exegetischen Arbeit war sein persönliches religiöses Erleben. Ausschlaggebend waren dabei sein starkes Sündenbewusstsein und die wachsende Gewissheit, dass der Mensch nicht aus eigener Kraft und auch nicht durch die von der Kirche angebotenen Mittel vor Gott bestehen und das Heil erlangen könne. Zur Schlüsselerfahrung wurde das »Turmerlebnis« (Datierung umstritten: 1515/16 oder spätestens Anfang 1518; benannt nach Luthers Studierzimmer im Turm des Wittenberger Augustinerklosters): Ausgehend von Römer 1, 17 (»Denn im Evangelium wird politisch die Gerechtigkeit Gottes offenbart aus Glauben zum Glauben, wie es in der Schrift heißt: Der aus Glauben Gerechte wird leben.«), kam Luther zu der Erkenntnis, die in der Folge zur Grundaussage der reformatorischen Theologie wurde: dass die Rechtfertigung des Menschen vor Gott nicht durch seine eigene Leistung bewirkt werden könne, sondern ein Geschenk (Gnade) Gottes sei, und dass der Mensch nichts anderes zu tun habe, als dieses Geschenk in Demut anzunehmen.

In den Vorlesungen der Jahre 1513–18 (über die Psalmen, den Römer-, Galater- und Hebräerbrief) war diese theologische Erkenntnis herangereift. Dabei wurde sich Luther immer stärker seines Gegensatzes zur scholastischen Theologie bewusst. Er dachte jedoch an keinen Bruch mit der Kirche, als er, veranlasst durch die Ablasspredigt J. Tetzels und die Erfahrungen, die er als Seelsorger im Beichtstuhl mit den Wirkungen des Ablasses gemacht hatte, 1517 (wahrscheinlich am 31. 10. oder etwas später) an der Schlosskirche zu Wittenberg seine 95 Thesen über die Kraft des Ablasses veröffentlichte, um nach dem akademischen Brauch der Zeit zu einer Disputation darüber aufzufordern. Diese Thesen, die in der Öffentlichkeit bald ein gewaltiges, für Luther völlig überraschendes Echo fanden, bedeuteten den faktischen Beginn der Reformation.

Anzeigen in Rom führten zu einem Ketzerprozess gegen Luther. Sein Landesherr, Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen, konnte durchsetzen, dass Luther nicht in Rom, sondern in Augsburg von Kardinal T. Cajetan, einem der bedeutendsten Theologen der Zeit, im Auftrag des Papstes vernommen wurde (12.–14. 10. 1518). Die Verhandlung verlief jedoch ergebnislos; Luther lehnte den geforderten Widerruf ab, der Kurfürst verweigerte Luthers Auslieferung nach Rom. 1519 kam es in Leipzig zur Disputation zwischen Luther und J. Eck, während der der Gegensatz Luthers zu Rom deutlich wurde (Leipziger Disputation). Die Antwort der Kurie war die Androhung des Banns in der Bulle Exsurge Domine vom 15. 6. 1520. Statt binnen 60 Tagen zu widerrufen, antwortete Luther mit einer Gegenschrift (»An den christlichen Adel deutscher Nation«) und verbrannte am 10. 12. 1520 die Bulle zusammen mit den päpstlichen Dekretalen vor dem Elstertor in Wittenberg. Damit war der Bruch mit der Papsttum endgültig vollzogen.

Am 28. 6. 1519 war Karl V. zum Römischen König (zugleich Erwählter Römischer Kaiser) gewählt worden. Mit Rücksicht auf die Reichsstände gab er Luther unter Zusicherung freien Geleits die Gelegenheit, sich vor dem Reichstag in Worms zu verantworten. In zwei Verhandlungen (17./18. 4. 1521) verteidigte Luther seine Positionen, die er v. a. in den reformatorischen Hauptschriften (»An den christlichen Adel deutscher Nation«, »Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche«, »Von der Freiheit eines Christenmenschen«, alle 1520) niedergelegt hatte und lehnte auch hier jeglichen Widerruf ab. Darauf wurde über ihn und seine Anhänger im Wormser Edikt die Reichsacht verhängt (8. 5.). Die Gefahr für Luther voraussehend, ließ ihn Friedrich der Weise auf dem Rückweg von Worms »überfallen« (4. 5.) und zu seinem Schutz auf die Wartburg bringen, wo er die folgenden zehn Monate als »Junker Jörg« verbrachte. Auf der Wartburg entstanden Postillen (Sammlungen von Musterpredigten), das »Gutachten über die Mönchsgelübde«, das vielfach eine Auflösung des Klosterlebens bewirkte, sowie die Übersetzung des Neuen Testamentes (»Das Newe Testament Deutszsch«; Erstausgabe 1522 [»Septembertestament«]). Anfang März 1522 kehrte Luther gegen den Befehl des Kurfürsten nach Wittenberg zurück, um die radikalen Kirchenreformen, die dort mit Billigung A. Karlstadts eingeführt worden waren (Wittenberger Bildersturm), wieder rückgängig zu machen. Theologisch setzte sich Luther damit in den Invokavitpredigten auseinander.

Im Jahr 1525 grenzte sich Luther gegenüber drei mit ihm sympathisierenden Bewegungen ab: von den theologischen Auffassungen der spiritualistischen reformatorischen Bewegungen (Schwärmer) und der Täufer, von den revolutionären sozialen Forderungen der Bauern (Bauernkrieg) und von den v. a. ethisch ausgerichteten Vorstellungen eines auf Vernunft und Moral begründeten Christentums der Humanisten, wie bei Erasmus von Rotterdam in »De libero arbitrio« (Über den freien Willen). Ihnen trat er mit den Schriften »Wider die himmlischen Propheten«, »Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern« und »De servo arbitrio« (Über den geknechteten Willen) entgegen.

Am 13. 6. 1525 heiratete Luther die frühere Nonne Katharina von Bora. Aus dieser Ehe stammen drei Söhne (Johann, * 1526, † 1575, Kanzler des Herzogs Albrecht von Preußen; Martin, * 1531, † 1565, Theologe; Paul, * 1533, † 1593, kursächsischer Leibarzt) und drei Töchter (Elisabeth, * 1527, † 1528; Magdalena, * 1529, † 1542; Margarete, * 1534, † 1570).

Der Zeit des reformatorischen Beginns folgten nun Jahre der inneren Festigung der Reformation, wobei Luther besonders eng mit P. Melanchthon zusammenarbeitete. Es erfolgte die Neuordnung des Gottesdienstes (Einführung der deutschen Messe). Die Kirchen- und Schulvisitationen (Visitation) standen am Anfang des neu entstehenden evangelischen (Landes-)Kirchen- und Schulwesens in Kursachsen und den anderen evangelischen Gebieten, für die der Reichstag zu Speyer (1526) die erste Rechtsgrundlage schuf. Neben der organisatorischen Arbeit war Luther weiterhin vielfältig theologisch und schriftstellerisch tätig (großer und kleiner Katechismus, 1529; Abschluss der Bibelübersetzung, 1534, Bibel; zahlreiche geistliche Lieder). In dieselbe Zeit fällt auch Luthers heftiger literarischer Streit mit U. Zwingli und seinen Anhängern über das Abendmahl (»Vom Abendmahl Christi, Bekenntnis«, 1528; Abendmahlsstreit).

Während des Augsburger Reichstages von 1530 hielt sich Luther, da er als Geächteter nicht teilnehmen konnte, auf der Veste Coburg auf und unterstützte von hier aus seine Freunde, besonders Melanchthon in den Verhandlungen um die Anerkennung des protestantischen Bekenntnisses. Das für das reichsrechtliche Dasein des Protestantismus grundlegende Augsburgische Bekenntnis, im Wesentlichen ein Werk Melanchthons, fand Luthers Billigung.

1536 gelang mit der Wittenberger Konkordie die Beilegung des Abendmahlsstreites mit den Oberdeutschen, nicht jedoch mit den Schweizern. Im selben Jahr verfasste Luther für die im Schmalkaldischen Bund vereinigten evangelischen Stände im Hinblick auf das seit 1532 von Kaiser Karl V. geforderte Konzil die Schmalkaldischen Artikel. In Wittenberg führten theologische Spannungen zum antinomistischen Streit mit J. Agricola. Die Einwurzelung der Reformation erwies sich als mühsames Unterfangen, der konfessionelle Friede war ständig gefährdet. Luther selbst äußerte sich in seinen letzten Lebensjahren zunehmend polemisch und meinte, den »Feinden Christi« mit schärfstem Zorn begegnen zu müssen, so etwa in den Schriften »Von den Juden und ihren Lügen« (1543) und »Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet« (1545). Bis 1545 hielt Luther in Wittenberg Vorlesungen, seit 1535 fast ausschließlich über das Buch Genesis (1. Moses).

Im Januar 1546 reiste er trotz schwacher Gesundheit über Halle nach Eisleben, um im Streit der Grafen von Mansfeld zu vermitteln. Er starb dort an einem schon längere Zeit währenden Herzleiden. Sein Leichnam wurde nach Wittenberg überführt und am 22. 2. 1546 in der Schlosskirche beigesetzt.

Literarisch-sprachliche Leistung

Bis 1520 schrieb Luther gleichermaßen häufig lateinisch und deutsch, was sich v. a. auch in seinen Briefen niederschlug. Einen entscheidenden Beitrag zur Förderung der deutschen Sprache leistete die Drucklegung von Luthers Werken: Von den 1523 erschienenen 935 deutschen Drucken entfallen 392 auf Schriften Luthers; allein seine Bibelübersetzung (Bibel) erschien bis zu seinem Tod (1546) in über 400 Ausgaben. Dieser große Erfolg beruhte v. a. auf Luthers Sprachauffassung und seiner »Worttheologie« (W. Lenk), welche die deutsche Sprache gleichberechtigt neben die drei bis dahin ausschließlich als heilig erachteten Sprachen (Hebräisch, Griechisch und Latein) stellte und ihm so eine im Vergleich zu früheren Bibelübersetzungen weitaus freiere Wortwahl ermöglichte. Dabei lehnte Luther den Amtsstil der Kanzleisprache ebenso ab wie den nachlässigen Sprachgebrauch vieler zeitgenössischer Prediger und Schreiber. Stattdessen forderte er, so v. a. in seinem »Sendbrief vom Dolmetschen« (1530), gerade vom Übersetzer den Aufbau eines reichen Wortschatzes und die Verwendung einer Vielzahl von Wort- und Stilelementen, die sich auch daran orientieren sollten, wie »die Mutter im Hause und der gemeine Mann« redeten. Dieses den Rezeptionsbedürfnissen des einfachen Volkes entsprechende Anliegen, das Luther in sprachlichen Formen von volkstümlicher Bildhaftigkeit und kraftvoller Anschaulichkeit gestaltete, indem er sich am Lebens- und Wirkungsbereich der Adressaten seiner Werke orientierte, trugen Luthers Sprache und Schrifttum jene große Zustimmung ein, die ihre weite Verbreitung und damit ihre weitreichende Wirkung auch auf die Ausbildung der neuhochdeutschen Literatursprache erklärt. Allerdings kann Luthers Sprache nicht, wie J. Grimm 1822 die protestantisch geprägte Vorstellung formulierte, »als Kern und Grundlage der neuhochdeutschen Sprachniedersetzung« gelten. Luther hat vielmehr als Schreibsprache eine überlandschaftliche Literatursprache verwendet, die im ostmitteldeutschen Sprachraum entstanden war, weil sich dort im Zuge der deutschen Ostsiedlung großflächige Herrschaftsterritorien ausgebildet hatten, in die Siedler aus den verschiedenen Dialektgebieten Deutschlands einwanderten, sodass durch Sprachmischung weiträumige Ausgleichssprachen entstanden. Herkunft und Werdegang hatten Luther in den niederdeutschen, ostmitteldeutschen und oberdeutschen Sprachraum geführt. Die Kenntnis der Dialektvielfalt veranlasste ihn daher, eine überall in gleicher Weise verstehbare einheitliche Sprachform zu finden. Diese war zunächst stark ostmitteldeutsch gefärbt; Luther und seine Drucker näherten sich dann aber allmählich der auf der habsburgischen Kanzleisprache beruhenden Augsburger Druckersprachtradition. So entstand ein Deutsch, das Luther immer häufiger verwendete, ohne jedoch die spezifisch habsburgischen Züge zu akzeptieren. Erst in den Jahrhunderten nach Luther hat sich die durch solchen Ausgleich gebildete Tendenz in der die heutige neuhochdeutsche Standardsprache bestimmenden Norm verfestigt.

Luthers nach Umfang und Vielseitigkeit außerordentliches literarisches Werk war für ihn immer seinem theologischen Auftrag untergeordnet, ästhetische Gestaltung war kein Selbstzweck. Für seine (lateinische und deutsche) Prosa nutzt er ausschließlich traditionelle Formen wie Traktat, Abhandlung, Predigt, Disputation, Fabel (»Etliche Fabeln aus dem Esopo verdeudscht«, 1530). Außerdem sind mehr als 2500 Briefe erhalten sowie – in den Aufzeichnungen von J. Aurifaber – die »Tischreden oder Colloquia Doct. Mart. Luthers ...«.

Luther ist Schöpfer des protestantischen Kirchenliedes. Er orientierte sich dabei an Psalmen und mittelalterlichen Hymnen, die er übersetzte und umdichtete, um sie zum Träger des neuen Glaubens zu machen. Zu den bekanntesten gehören: »Nun freut euch, liebe Christen gmein«, »Ein feste Burg ist unser Gott«, »Herr Gott, dich loben wir«, »Aus tiefer Not schrei ich zu dir«, »Gelobet seist du, Jesu Christ«, »Christ lag in Todesbanden«, »Nun bitten wir den Heiligen Geist« und »Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort«. In den Liedern gestaltete Luther das starke persönliche Erleben zu einem Anliegen der Gemeinde um und schuf, von der Liedtechnik des Meistersangs beeinflusst, zusammen mit J. Walter (»Geystliches gesangk Buchleyn«, 1524; »Deutsche Messe«, 1526) den bis heute gültigen Typus des protestantischen Kirchenliedes. Dass Luther im Gegensatz zu T. Müntzer, Zwingli und J. Calvin der Kunstmusik einen breiten Raum im Gottesdienst einräumte und dies auch theologisch begründete, war für die protestantische Kirchenmusik von größter Bedeutung.

Lutherforschung

Das wichtigste Ereignis für die moderne Luther-Forschung war das allmähliche Bekanntwerden der Frühvorlesungen von 1513 bis 1518, teils in Luthers Originalmanuskript, teils in Nachschriften; sie standen bis in jüngste Zeit im Vordergrund der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Luther. Besondere Bedeutung kam dem Erscheinen der »Gesammelten Aufsätze zur Kirchengeschichte« (1921) von K. Holl zu, mit denen die »Luther-Renaissance« begann. Die Anregungen Holls wurden von einer weitverzweigten Schule aufgenommen und weiter ausgebaut; ihr Einfluss ist jedoch bald durch die Wirkungen der dialektischen Theologie (K. Barth) eingeschränkt und durch neuere theologische Strömungen (etwa die existenziale Interpretation G. Ebelings) modifiziert worden. Hinzu trat die selbstständige Entwicklung der Luther-Forschung außerhalb der Theologie, besonders in Skandinavien. Die lange stark theologisch ausgerichtete Luther-Forschung hat sich inzwischen wieder mehr biografischen sowie profan- und sozialgeschichtlichen Fragestellungen geöffnet. Besonders lebhaft erörtert wurden und werden Luthers Zweireichelehre, Zeitpunkt und Charakter der reformatorischen Erkenntnis Luthers (»Turmerlebnis«), der Thesenanschlag, Luthers Verhältnis zur mittelalterlichen Tradition der Scholastik, der Mystik, der Schriftauslegung und zum Augustinismus seines Ordens, Luthers Stellungnahme gegen die Bauern, die antijudaistische Grundtendenz in seinem theologischen Werk sowie sein Frauenbild. Zahlreiche Beiträge zur Luther-Forschung entstanden auch im Vorfeld bzw. Rahmen der »Luther-Jahre« 1983 (500. Geburtstag Luthers) und 1996 (450. Todestag Luthers) sowie anlässlich des Jubiläumsjahres 2017 (500 Jahre Reformation).

Das katholische Lutherbild stand bis zum Ende des 19. Jahrhunderts unter dem Einfluss der »Luther-Kommentare« (»Commentaria de actis et scriptis Lutheri«, 1549) des J. Cochläus, in denen Luther als Irrlehrer und Zerstörer der Einheit der abendländischen Kirche angesehen wird. Wegweisend für ein neues Lutherbild seitens der katholischen Forschung wurde die Darstellung Luthers, die J. Lortz in seinem Buch »Die Reformation in Deutschland« (1939) gab. Luther wird darin als ein zutiefst religiöser Mensch beschrieben, der als Theologe und Beter Antworten auf zentrale religiöse Fragen sucht (»Wie finde ich einen gnädigen Gott«; »Wer rettet mich von Tod und Sünde«), dessen so gewonnene Antworten allerdings subjektivistisch geprägt seien. Einen weiteren Markstein in der Geschichte der katholischen Reformations- und Luther-Forschung bilden die Arbeiten E. Iserlohs. Er betonte als auslösendes Moment für Luthers späteres reformatorisches Wirken die Verpflichtung, die Luther angesichts des Missbrauchs des Ablasses als Seelsorger vor seinem Gewissen empfand. Katholische Arbeiten der jüngeren Zeit haben oft die Wurzeln des lutherschen Denkens zum Thema, verstehen sich jedoch auch als Beiträge zu einem neuen ökumenischen Lutherbild, das sich im wissenschaftlichen Dialog von Luther-Forschern verschiedener Konfessionen zunehmend herausbildet.

Die internationale Zusammenarbeit der Luther-Forscher wird durch die »Internationalen Kongresse für Luther-Forschung« gefördert. Über die inzwischen vielfältigen Berichte zur Luther-Forschung informiert die Luther-Bibliographie im »Luther-Jahrbuch« (besonders 1984 folgende), herausgegeben von der Luther-Gesellschaft e. V.

Am 31. 10. 2016 wurde im schwedischen Lund mit einem ökumenischen Gottesdienst, an dem zusammen mit führenden Vertretern des Lutherischen Weltbundes (LWB) auch Papst Franziskus teilnahm, das Gedenkjahr zum 500. Reformationsjubiläum 2017 eröffnet. Eine Vielzahl unterschiedlicher Veranstaltungen (Ausstellungen, Workshops, Fachtagungen, Lesungen, Vorträge usw.) reflektiert in diesem zeitlichen Rahmen sowohl die historischen Ereignisse, die Luther-Rezeption im Wandel der Zeit als auch aktuelle politische Themen auf dem Hintergrund reformatorischen Denkens.

Werke

[Erlanger Ausgabe], hg. v. E. L. Enders, 67 Bde. (1826–57); Briefwechsel, hg. v. demselben u. a., 19 Bde. (1884–1932); Werke. Kritische Gesamtausgabe. [Weimarer Ausgabe], auf zahlreiche Bde. berechnet (1883 ff.; Nachdruck 1964 ff.); Disputationen Martin Luthers in den Jahren 1535–1545 an der Universität Wittenberg gehalten, hg. v. P. Drews, 2 Bde. (1895–96); Ausgewählte Werke, hg. v. H. H. Borcherdt, 6 Bde. u. 7 Ergänzungs-Bde. (31960–83); Werke in Auswahl, hg. v. O. Clemen, 8 Bde. (3–61962–67); Luther Deutsch, hg. v. K. Aland, 12 Bde. (1–41974–83); Studienausgabe, hg. v. H.-U. Delius, 6 Bde. (1979–99); Ausgewählte Schriften, hg. v. H. Bornkamm u. a., 6 Bde. (1982); Die reformatorischen Grundschriften, hg. v. H. Beintker, 4 Bde. (Neuausgabe 1983); Luthers Tischreden, hg. v. J. Henkys (2003); Werke, hg. v. S. Streller (Neuausgabe 2003); Lateinisch-deutsche Studienausgabe, hg. v. W. Härle u. a., auf 3 Bde. berechnet (2006); Martin Luthers Tischreden. Neuansätze der Forschung, hg. v. K. Bärenfänger u. a. (2013); Luther lesen. Die zentralen Texte, bearb. v. M. H. Jung, hg. vom Amt der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (2016); Die Bibel. Lutherübersetzung (Lutherbibel revidiert 2017 – die Standardausgabe [mit Apokryphen], hg. v. der Deutschen Bibelgesellschaft (2016).

Weiterführende Literatur

Schriftenverzeichnisse

H. Kind: Die Luther-Drucke des 16. Jahrhunderts (1967);

Werke. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 61: Inhaltsverzeichnis zur Abteilung Schriften Band 1–60 (1983);

K. Kratzsch: Verzeichnis der Luther-Drucke 1517–1546 aus den Beständen der Zentralbibliothek der Deutschen Klassik (Weimar 1986);

K. Aland: Hilfsbuch zum Luther-Studium (41996).

Biografien, Sammelwerke:

H. Boehmer: Der junge Luther (61971);

H. Bornkamm: Martin Luther in der Mitte seines Lebens (1979);

W. v. Loewenich: Martin Luther (Neuausgabe 1983);

Martin Luther. Sein Leben in Bildern u. Texten, hg. v. G. Bott u. a. (1983);

H. Junghans: Der junge Luther und die Humanisten (Neuausgabe 1985);

Leben u. Werk Martin Luthers von 1526 bis 1546, hg. v. demselben, 2 Bde. (21985);

Martin Luther. Leben, Werk, Wirkung, hg. v. G. Vogler (21986);

M. Brecht: Luther als Schriftsteller (1990);

H. A. Oberman: Luther. Mensch zwischen Gott u. Teufel (Neuausgabe (1991);

M. Brecht: Martin Luther, 3 Bde. (Neuausgabe 1994);

H. Schwarz: Martin Luther. Einführung in Leben u. Werk (1995);

H. J. Genthe: Martin Luther. Sein Leben u. Denken (1996);

R. Friedenthal: Luther. Sein Leben u. seine Zeit (91997);

B. Lohse: Martin Luther. Eine Einführung in sein Leben u. Werk (31997);

R. Schwarz: Luther (21998);

H. Herrmann: Martin Luther. Eine Biographie (2003);

A. Beutel: Luther Handbuch (22010);

L. Roper: Der Mensch Martin Luther. Die Biografie (2016).

Allgemeines

E. W. Zeeden: Martin Luther u. die Reformation im Urteil des deutschen Luthertums, 2 Bde. (1950–52);

H. Bornkamm: Luther im Spiegel der deutschen Geistesgeschichte (21970);

Die Deutschen und Luther, hg. v. Johann Baptist Müller (1983; Nachdruck 1996);

Die Luther-Familie. Lebensumstände der Kinder, Enkel u. Neffen des Reformators, hg. v. G. Luther (1986);

Die Juden und Martin Luther – Martin Luther und die Juden, hg. v. H. Kremers u. a. (21987);

Luther-Lexikon, hg. v. K. Aland (41989);

H. Junghans: Martin Luther und Wittenberg (1996);

Luther in seiner Zeit, hg. v. M. Greschat u. G. Lottes (1997);

S. Kreiker: Luther. Leben u. Wirkungsstätten (2003);

M. Treu: Martin Luther in Wittenberg. Ein biographischer Rundgang (2003);

The Cambridge companion to Luther, hg. v. D. K. McKim (Neuausgabe Cambridge u. a. 2004);

Th. Kaufmann: Luthers Juden (2014);

W. Kardinal Kasper: Martin Luther. Eine ökumenische Perspektive (22016);

Th. Kaufmann: Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation (2016);

V. Leppin: Die fremde Reformation. Luthers mystische Wurzeln (2016);

H. Schilling: Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs (2016);

V. Reinhardt: Luther der Ketzer. Rom und die Reformation (2016);

H. Schilling: 1517. Weltgeschichte eines Jahres (32017).

Theologie

P. Althaus: Die Ethik Martin Luthers (1965);

G. Ebeling: Luther-Studien, 4 Bde. (1971–85);

J. Heckel: Lex charitatis. Eine juristische Untersuchung über das Recht in der Theologie Martin Luthers (21973);

R. Hermann: Luthers Theologie (1974);

G. Ebeling: Luther. Einführung in sein Denken (41981; Nachdruck 1990);

P. Manns u. H. Meyer: Ökumenische Erschließung Martin Luthers (1983);

Martin Luther. »Reformator u. Vater im Glauben«, hg. v. P. Manns (1985);

P. Veit: Das Kirchenlied in der Reformation Martin Luthers (aus dem Französischen, 1986);

U. Asendorf: Die Theologie Martin Luthers nach seinen Predigten (1988);

P. Althaus: Die Theologie Martin Luthers (71994);

L. Grane: Martinus Noster. Luther in the German reform movement 1518–1521 (1994);

B. Lohse: Luthers Theologie in ihrer historischen Entwicklung u. in ihrem systematischen Zusammenhang (1995);

T. Hohenberger: Lutherische Rechtfertigungslehre in den reformatorischen Flugschriften der Jahre 1521–1522 (1996);

G. Ebeling: Luthers Seelsorge. Theologie in der Vielfalt der Lebenssituationen an seinen Briefen dargestellt (Neuausgabe 1999);

Luther. Zwischen den Zeiten, hg. von C. Markschies u. M. Trowitsch (1999);

H. J. Iwand: Luthers Theologie (Neuausgabe 2000);

P. v. der Osten-Sacken: Martin Luther u. die Juden (2002);

W. Simon: Die Messopfertheologie Martin Luthers. Voraussetzungen, Genese, Gestalt u. Rezeption (2003);

O. Bayer: Martin Luthers Theologie. Eine Vergegenwärtigung (22004);

E. Maurer: Luther (2004);

O. H. Pesch: Hinführung zu Luther (Neuausgabe 2004);

C. Danz: Einführung in die Theologie Martin Luthers (2013).

Sprache

Luthers Sprichwörtersammlung, hg. v. E. Thiele (1900; Nachdruck 1996);

G. Kettmann: Die kursächsische Kanzleisprache zwischen 1486 u. 1546. Studien zum Aufbau u. zur Entwicklung (Berlin-Ost 21969);

H. Ebert: Alltagssprache u. religiöse Sprache in Luthers Briefen u. in seiner Bibelübersetzung (1986);

E. Arndt u. G. Brandt: Luther und die deutsche Sprache. Wie redet der Deudsche man jnn solchem fall? (Leipzig 21987);

A. Beutel: In dem Anfang war das Wort. Studien zu Luthers Sprachverständnis (1991);

Die Bibel Martin Luthers. Ein Buch und seine Geschichte, hg. v. M. Käßmann u. M. Rösel (2016).


Aus dem Traktat »Von der Freiheit eines Christenmenschen« (1520), einer seiner drei reformatorischen Hauptschriften

Czum .xxvj. Alßo soll ein Christen mensch / wie Christus seyn heubt / voll vnd satt / yhm auch benugen 1) lassen an seynem glaubenn / den selben ymer mehrenn / wilcher seyn leben / frumkeit vnd seligkeyt ist / der yhm gibt allis was Christ(us) vnd gott hat / [...] Vnd S(ankt) Paul Gal. 1 spricht / Was ich noch ynn dem corper lebe / das lebe ich ynn dem glauben Christi gottis sohn. 2) Vnd ob er nu gantz frey ist 3) / sich widderu(m)b williglich eyne(n) diener machen seynem nehsten zu helffenn / mit yhm faren / vnd handeln / wie gott mit yhm durch Christu(m) handlet hatt / vnd das allis vmbsonst / nichts darynnen suchen denn gottliches wolgefallenn / vnd alßo denckenn. Wolan meyn gott hatt mir vnwirdigen vordampten menschen / on alle vordienst / lauterlich vmbsonst vn(d) auß eytel barmhertzickeit geben(n) / durch vnd ynn Christo / vollen reychtumb aller frumkeit vnd selickeit / das ich hynfurt / nichts mehr bedarff / denn glauben es sey also. Ey so will ich solchem vatter der mich mit seynen vberschwenglichen gutter(n) alßo vbirschuttet hatt / widerumb / frey / fro(e)lich vnd vmbsonst thun was yhm wolgefellet / Vnnd gegen meynem nehsten auch werden ein Christen / wie Christus mir worden ist / vnd nichts mehr thun / denn was ich nur sehe / yhm nott / nu(e)tzlich vnd seliglich sey / die weyl ich doch / durch meynenn glauben / allis dings yn Christo gnug habe. Sih also fleusset auß dem glauben die lieb vn(d) lust zu gott / vnd ausz der lieb / ein frey / willig / frolich leben(n) dem nehsten zu diene(n) vmbsonst. Denn zu gleych wie vnser nehst nott leydet / vnd vnßers vbrigenn 4) bedarff / alßo haben wir fur gott nott geliden vnd seyner gnaden bedurfft. Darumb wie vns gott hat durch Christum vmbsonst geholffen / alßo sollen wir / durch den leyp / vnd seyne werck / nit anders den dem nehsten helffen. Also sehen wir wie eyn hoch edliß leben sey vmb ein Christlich leben / das leyder nu ynn aller welt / nit allein nyderligt / sondernn auch nit mehr bekandt ist noch gepredigt wirt.

1) Sich auch genügen.

2) Galaterbrief 2,20.

3) Vom Leser zu ergänzen um die Formel »..., so soll ein Christ ...«.

4) Überflusses.

M. Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen, in: derselbe: Studienausgabe, herausgegeben von H.-U. Delius, Band 2 (Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 1992), Seite 297, 299.

Martin Luther über die Theologie, die Anfechtungen des Christen und den Kampf um das Evangelium

Aus den »Tischreden oder Colloquia Doct. Mart. Luthers ...« (1566)

Ich hab mein theologiam nit auf einmal gelernt, sonder hab immer tiefer und tiefer grübeln müssen. Da haben mich meine Anfechtungen hin bracht. Denn ohne Gebrauch und Übung kann nicht gelernt werden. Das fehlet den Schwärmern und Rotten *) auch, daß sie den rechten Widersprecher nit haben, den Teufel. Der lernets einen wohl.

Gleichwohl lernt man auch andere Wissenschaften nicht ohne einübende Anwendung. Was wäre schon ein Arzt, der sich dauernd auf der Schule herumtreibt? Aber wenn er hinauskommt in die Praxis – je mehr er mit der Natur (zu tun bekommt und) handlet, je mehr er siehet, daß er die Kunst noch nit hat. Was soll es denn mit der Heiligen Schrift sein, da Gott einen andern Widersacher (als die Natur es ist) geben hat?

Also ist es eine große Gnade, daß einer ein Text hat, daß er kann sagen: Das ist recht, das weiß ich. Sie meinen, sie können es bald von einer Predigt. Dem Zwingli hat es auch daran gefehlet, daß er gedacht, er könnts schon, es wär ein schlechte Kunst. Ich weiß aber, daß ich das Vaterunser noch nit kann. Ohne practica kann niemand gelehrt sein.

Recht hat jener Bauer gesprochen: Der Harnisch ist gut, wer ihn weiß zu brauchen! Also ist die Heilige Schrift auch gewiß genug. Aber geb Gott, daß ich den rechten Spruch erwische! Denn wenn der Teufel mit mir disputiert, ob Gott mir gnändig sei, darf ich den Spruch nit führen: Wer Gott liebt, der wird das Reich Gottes besitzen. Denn sofort hält er mir vor: Du hast Gott nicht geliebt! Dagegen komme ich auch nicht damit auf, daß ich ein eifriger Professor und Prediger bin. Das Hufeisen ist da nit recht gehängt. Sondern daß Jesus Christus für mich gestorben ist und der Artikel von der Sündenvergebung, das tuts.

Doktor Martinus Luther sagete einmal, daß in den Lebensbeschreibungen der Kirchenväter diese Historie stünde, daß ein junger Einsiedeler viel böser Lüst und Begierden hätte gehabt und nicht gewußt, wie er ihrer sollte los werden. Drüm so habe er einen Altvater um Rat gefraget, wie er ihm doch tun sollte. Da hat er gesaget: Du kannst nicht wehren (und befehlen), daß nicht die Vögel hin und wieder in der Luft fliegen sollten; aber daß sie dir nicht in den Haaren nisteln, das kannst du ihnen wohl steuren. – Also wirds keiner übrig sein, daß ihme nicht böse Gedanken einfallen. Aber man soll sie lassen wieder ausfallen, auf daß sie nicht tief in uns einwurzeln.

In den Kampf um das Evangelium bin ich von Gott hineingeworfen worden, ohne daß ich es wußte. Wenn ich vorausgesehen hätte, was ich jetzt durch eigene Erfahrung weiß – keinesfalls hätte ich es gelitten, daß er mich ans Werk stellt. Aber Gottes Weisheit ist größer als die Menschenweisheit. Der hat mich schlechts geblendet, wie man ein Pferd blendet, wenn man auf die Bahn soll reiten. Als ich also zuerst damit anfing, da sagt ich wahrlich unserm Herrn Gott mit großem Ernst und von ganzem Herzen in meinem Stüblin: Wollt er ja ein Spiel anfangen mit mir, daß ers allein für sich tät und behütet mich dafür, daß ich mich dreinmenget, das ist: meine Weisheit etc. Dies Gebet hat er gewaltig erhöret. Er gebe weiter Gnade!

  • ) Bezeichnung Luthers für Anhänger christlicher Bewegungen im Umfeld der Reformation, die in radikaler Weise für sich allein in Anspruch nahmen, in ihrem Handeln direkt vom Heiligen Geist beauftragt und geleitet zu sein.

Luthers Tischreden, zusammengestellt von J. Henkys und mit einem Essay von W. Jens (Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2003), Seite 26 f., 176.

Wendungen aus der Bibelübersetzung Martin Luthers, die in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen sind (Auswahl)

Es werde Licht! (1. Mose 1,3)

Seid fruchtbar und mehret euch (1. Mose 1,28)

Baum der Erkenntnis (1. Mose 2,9)

Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen (1. Mose 3,19)

Ein Land, darin Milch und Honig fließt (2. Mose 3,8)

Ein Dorn im Auge (nach 4. Mose 33,55)

Der Gerechte muss viel erleiden (Psalter 34,20)

Bleibe im Lande und nähre dich redlich (Psalter 37,3)

Nichts Neues unter der Sonne (Kohelet 1,9)

Schwerter zu Pflugscharen (Jesaja 2,4)

Stein des Anstoßes (Jesaja 8,14)

In alle Winde zerstreut (Ezechiel 17,21)

Die Axt an die Wurzel legen (nach Matthäus 3,10)

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein (Matthäus 4,4)

Suchet, so werdet ihr finden (Matthäus 7,7)

Die Zeichen der Zeit (Matthäus 16,3)

Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. (Matthäus 26,41)

(Geldgier ist) eine Wurzel allen Übels (1. Timotheus 6,10)

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