Fandom


Der Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtentwicklung (PT) an der Fakultät für Architektur der RWTH Aachen (Leitung Klaus Selle) ist einer von drei Lehrstühlen in Deutschland, die sich mit planungstheoretischen Fragen der räumlichen Entwicklung und Steuerung beschäftigen. In Forschung, Lehre und Praxis reflektiert er Planungsprozesse in ihren gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen und historischen Zusammenhängen und bearbeitet aktuelle Aufgaben und Strategien der Stadt- und Quartiersentwicklung.

Aktuelle Arbeitsschwerpunkte

Seit der Gründung des Lehrstuhls 1971 haben sich mit den unterschiedlichen Lehrstuhlinhabern einhergehend Lehr- und Forschungsschwerpunkte verschoben. Ein roter Faden zieht sich über die Jahrzehnte hinweg jedoch durch folgende Themen: Wohnen, Planungsprozesse, die Entwicklung und Produktion von Stadt, Planen und Steuern sowie Planungskommunikation als Ausdruck des Umgangs mit Stadtentwicklung. Die Themen werden jeweils Disziplinen übergreifend mit Ingenieurs-, Natur- und Gesellschaftswissenschaftlern behandelt. Gegenwärtig werden die Arbeitsschwerpunkte des Lehrstuhls in vier Leitthemen zusammengefasst:

  • Planen und Steuern im Wandel
Die Rollenverteilung zwischen Staat, Markt und ziviler Gesellschaft befindet sich in einem ständigen Wandel, und folglich muss auch die Frage nach den Möglichkeiten räumlicher Steuerung theoretisch wie empirisch immer wieder neu gestellt werden.
  • Planungskommunikation
Das Thema Kommunikation ist ein zentrales Mittel jeglicher Planungs- und Entwicklungstätigkeit. Dabei geht es nicht nur um Bürgerbeteiligung, sondern um Dialoge und Verständigungsprozesse zwischen einer Vielzahl von Akteuren. Der Lehrstuhl setzt sich mit der Gestaltung unterschiedlicher Kommunikationsprozesse in Theorie, Konzeption und praktischer Erprobung kontinuierlich auseinander.
  • Öffentlicher Raum
Öffentliche Räume stellen eine zentrale Aufgabe kommunaler Planung dar. Mit ihnen wird die Struktur der Städte definiert, werden Standorte und Adressen geschaffen. Schlagworte sind u.a. die „Privatisierung” öffentlicher Räume, die Inklusion und Exklusion von Nutzergruppen.
  • Bestandsentwicklung
Sozioökonomische und demographische Entwicklungen führen zu immer deutlicheren Unterschieden in den Raumstrukturen. Der Lehrstuhl setzt sich mit der Zukunftsfähigkeit von Stadtquartieren und Wohnungsbeständen aus unterschiedlichen Perspektiven auseinander.

Seit 2002 greift der Lehrstuhl im Rahmen der PT-Tagungen wechselnde stadtplanerisch relevante Fragestellungen auf, um zum interdisziplinären und internationalen Erfahrungsaustausch zwischen Forschung, Lehre und Praxis anzuregen. Die bisherigen Themen lauten: „Öffentlicher Raum“ (2002), „Stadtentwicklung rückwärts“ (2003), „Planung und Innovation“ (2004), „Der Beitrag öffentlicher Akteure zur räumlichen Entwicklung“ (2005), „Kommunikation beim Planen, Steuern und Entwickeln“ (2006), „Bestand …? Perspektiven für das Wohnen in der Stadt“ (2007), „Plätze, Parks und Promenaden. Die Koproduktion der öffentlichen Räume in den Städten“ (2008), „NEUSTART. Die Zukunft der Stadtplanung. Aufgabe - Profession - Lehre“ (2009) und „Res publica? Bürgerinnen und Bürger als Akteure der Stadtentwicklung“ (2011), „Public Space and Urban Governance” (2012) und “Gentrification? Städtische Transformation und die sozialen Folgen” (2013).

Mit dem zusätzlichen Querschnittsthema „Berufsfelder“ fördert der Lehrstuhl den kontinuierlichen Dialog über Stand und Entwicklung der Berufe in Architektur und Stadtplanung. Darüber hinaus beteiligt er sich am berufsbegleitenden Masterstudiengang „Redevelopment/ Design and Management” auf Schloss Dyck. Außerdem gibt der Lehrstuhl gemeinsam mit der Professur für Governanceforschung und Angewandte Geographie an der WWU Münster in Kooperation mit der ILS gGmbH und Kollegen an den Universitäten Bonn, Hannover, Kassel und Stuttgart das online-Magazin „pnd | online“ heraus (www.planung-neu-denken.de), das seit 2006 Texte und Diskussionen zur Entwicklung von Stadt und Region in ca. vier Ausgaben je Jahr versammelt.

Entwicklung und Lehrstuhlleiter

1971: Gründung des Lehrstuhls

1971 wird er als erster Lehrstuhl für Planungstheorie an der RWTH Aachen mit der Berufung von Gerhard Fehl eingerichtet. Seine Gründung ist eine Reaktion auf eine Phase der „Planungseuphorie“ seit Mitte der 1960er Jahre. Mit ihr einher geht der Wunsch nach einer Systematisierung der Planungsforschung und des Planungswissens sowie einer wissenschaftlichen Ausrichtung von Planung und Entwurf. Hierzu tragen wesentlich Gerhard Fehls Erkenntnisse aus den planungstheoretischen Diskursen im angloamerikanischen Raum bei, die er während eines Forschungsaufenthalts in den USA gewinnen konnte.

Bereits ab Mitte der 1970er Jahre erfolgt ein Prozess der Umorientierung der Lehr- und Forschungstätigkeit des Lehrstuhls als Antwort auf das Scheitern des geschlossenen deduktiven Planungsmodells der Vorjahre. Im Bereich der Forschung entfernt sich Gerhard Fehl nunmehr von systemtheoretischen Fragestellungen und konzentriert sich auf die Planungsgeschichte – nicht aus Scheu vor der Auseinandersetzung mit der Gegenwart, sondern als Erarbeitung einer historisch fundierten Theorie des Planens und Gestaltens der Stadt, um mit ihr aktuelle Problemlagen reflektieren zu können. Hierbei wird der Begriff der „Produktion von Stadt“ prägend: Stadt wird betrachtet und erforscht als Produkt der Aktivitäten und Interessen zahlreicher öffentlicher und privater Akteure. Im Vordergrund steht die Entwicklung räumlicher Planung, ihrer Instrumente, Leitbilder und Ideologien in Wechselwirkung mit realen Prozessen der Stadtentwicklung und politischen Tendenzen seit dem beginnenden 19. Jahrhundert.

Unterschiedliche Interessenfelder und Forschungsthemen sind u.a. die sozialorientierte Stadterneuerung im In- und Ausland, Formen und Folgen staatlicher Privatisierung und „Deregulierung“, Prozesse des Stadtumbaus, Wohnungsbau im Dritten Reich, Gartenstadt sowie das industrielle Erbe in der EUREGIO Maas-Rhein und Aachen. Neben Gerhard Fehl werden diese Themen auch von den wissenschaftlichen Mitarbeitern des Lehrstuhl geprägt, die in der Folge zum Teil eigene Lehrstühle leiten. Seine Lehre richtet der Lehrstuhl seit Anfang der 1980er Jahre – auch als Reaktion auf ein schwindendes Interesse an einer theoretischen Auseinandersetzung mit Planung – stärker auf städtebauliche Projekt und Entwurf aus, immer geprägt aus einem Bestreben, entwerfend-planerisches mit theoretischem Handwerkszeug im Sinne eines reflexiven Vorgehens und der Vermittlung von Methoden strukturellen und prozessualen Planens zu vereinen. Nach der Emeritierung von Gerhard Fehl 1996 leiten Tilman Harlander und Ursula von Petz den Lehrstuhl in Vertretung – nunmehr Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtplanung.

Seit 2001: Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtentwicklung

2001 wird Klaus Selle zum neuen Inhaber des Lehrstuhls berufen. Er lehrte zuvor am Fachbereich Landschaftsarchitektur und Umweltentwicklung der Universität Hannover das Fach „Freiraumpolitik und Planungskommunikation“. Klaus Selle knüpft an die Themen an, die seit Lehrstuhlgründung kontinuierlich behandelt wurden. Er setzt aber neue Schwerpunkte, die auch durch die Umbenennung des Lehrstuhls 2005 in Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtentwicklung nach außen deutlich gemacht werden. Die thematische Neuakzentuierung spiegelt sich aber vor allem in vier miteinander verknüpften Leitthemen wider: Planen und Steuern im Wandel, Planungskommunikation, öffentliche Räume und Bestandsentwicklung (siehe „Aktuelle Arbeitsschwerpunkte“).

Publikationen: Auswahl seit 1971

Durch eine große Zahl und Vielfalt an Publikationen, Forschungsprojekten, Tagungen und Fachveranstaltungen prägen die Inhaber und Mitarbeiter des Lehrstuhls seit mehr als vier Jahrzehnten maßgebend die Diskussionen und Debatten zu Fragen der Stadtentwicklung und Stadtplanung.

  • Selle, Klaus (2013): Über Bürgerbeteiligung hinaus: Stadtentwicklung als Gemeinschaftsaufgabe? Analysen und Konzepte. Detmold: Rohn
  • Havemann, Antje; Selle, Klaus (Hrsg.) (2010): Plätze, Parks & Co. Stadträume im Wandel. Analysen, Positionen und Konzepte. Detmold: Rohn
  • Klemme, Marion; Selle, Klaus (Hrsg.) (2010): Siedlungsflächen entwickeln: Akteure, Interdependenzen, Optionen. Detmold: Rohn
  • Berding, Ulrich; Havemann, Antje; Pegels, Juliane; Perenthaler, Bettina (Hrsg.): Stadträume in Spannungsfeldern: Plätze, Parks und Promenaden im Schnittbereich öffentlicher und privater Aktivitäten. Detmold: Rohn
  • Schmitt, Gisela; Selle, Klaus (Hrsg.): Bestand? Perspektiven für das Wohnen in der Stadt. Dortmund: Rohn
  • Selle, Klaus (Hrsg.) (2006): Planung neu denken. 1. Zur räumlichen Entwicklung beitragen: Konzepte, Theorien, Impulse. Dortmund: Rohn
  • Selle, Klaus (Hrsg.) (2006): Planung neu denken. 2. Praxis der Stadt- und Regionalentwicklung: Analysen, Erfahrungen, Folgerungen. Dortmund: Rohn
  • Selle, Klaus (2005): Planen. Steuern. Entwickeln: über den Beitrag öffentlicher Akteure zur Entwicklung von Stadt und Land. Dortmund: Dortmunder Vertrieb für Bau- und Planungsliteratur
  • Selle, Klaus (Hrsg.) (2003): Was ist los mit den öffentlichen Räumen? Analysen, Positionen, Konzepte. Ein Lesebuch für Studium und Praxis. Zusammengestellt und eingeleitet von Klaus Selle. 2., erw. und aktualisierte Aufl. Dortmund (u.a.): Dortmunder Vertrieb für Bau- und Planungsliteratur
  • Fehl, Gerhard; Harlander, Tilman; Bodenschatz, Harald; Jessen, Johann; Kuhn, Gerd (Hrsg.) (2001): Villa und Eigenheim: suburbaner Städtebau in Deutschland. [Wüstenrot-Stiftung, Ludwigsburg]. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt
  • Fehl, Gerhard (Hrsg.) (1999): Politik und Planung. Köln, München (u.a.): Kohlhammer
  • Fehl, Gerhard (Hrsg.) (1997): Die Stadt wird in der Landschaft sein und die Landschaft in der Stadt. Bandstadt und Bandstruktur als Leitbilder des modernen Städtebaus. Basel (u.a.): Birkhäuser
  • Fehl, Gerhard (1995): Kleinstadt, Steildach, Volksgemeinschaft : zum 'reaktionären Modernismus' in Bau- und Stadtbaukunst. (Bauwelt-Fundamente: 102). Braunschweig (u.a.): Vieweg
  • Rodríguez-Lores, Juan (1994): Sozialer Wohnungsbau in Europa. Die Ursprünge bis 1918: Ideen, Programme, Gesetze. Basel
  • Bollerey, Franziska; Fehl, Gerhard; Hartmann, Kristiana (Hrsg.) (1990): Im Grünen wohnen – im Blauen planen. Ein Lesebuch zur Gartenstadt, Hamburg
  • Fehl, Gerhard (Hrsg.) (1988): Werksiedlungen im Aachener Revier. Dokumentation zur Wanderausstellung. Aachen
  • Fehl, Gerhard; Harlander, Tilman (Hrsg.) (1986): Hitlers Sozialer Wohnungsbau 1940-1945. Wohnungspolitik, Baugestaltung und Siedlungsplanung. Hamburg
  • Fester, M.; Fehl, Gerhard; Kuhnert, N. (Hrsg.) (1971): Planung und Information. Materialien zur Planungsforschung. Gütersloh
  • Komplette Liste der Publikationen und Vorträge seit 1987 im Katalog der Hochschulbibliothek der RWTH Aachen.

Weblinks



Nutzung von Community-Inhalten gemäß CC-BY-SA , sofern nicht anders angegeben.