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Die Klosterheilkunde ist eine naturheilkundliche Behandlungsmethode, die traditionelles Wissen aus der Epoche der Klostermedizin mit moderner Pflanzenheilkunde verbindet.

Historischer Hintergrund

Über eine Zeit von etwa 400 Jahren, vom 8. bis ins 12. Jahrhundert, lag die medizinische Versorgung in Europa fast ausschließlich in den Händen von Nonnen und Mönchen.[1] Mit dem Aufkommen der ersten medizinischen Universitäten wie der Schule von Salerno begann der langsame Abstieg der Klostermedizin.[2] Während der Reformationszeit und später durch die Säkularisation ab 1802 wurden viele Klöster geschlossen. Zuvor hatten die Klöster im 17. und 18. Jahrhundert noch einmal eine pharmazeutische Blüte erlebt.[3] Das alte Heilwissen, das vorwiegend auf die Humoralpathologie aufbaute, geriet im 19. Jahrhundert durch die von Rudolf Virchow begründete medizinische Zelltheorie in Vergessenheit.

Viele Schriften aus der Zeit der Klostermedizin wurden erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wissenschaftlich erschlossen, einige zentrale Werke jedoch bislang nicht.[4] Die heute bekannten Schriften der Hildegard von Bingen, die Physica und Causae et curae, wurden in den 1950ern von Hugo Schulz und Heinrich Schipperges übersetzt und editiert. Eine breite Wirkung, die sie im Mittelalter nicht hatten, erreichten sie mit der 1970 von Gottfried Hertzka entwickelten, sogenannten "Hildegard-Medizin". Das Lorscher Arzneibuch, seit 2013 im Weltdokumentenerbe verzeichnet, wurde um 1990 an der Universität Würzburg ausführlich erforscht. Der Macer floridus, das populärste Werk der Klostermedizin[5], lag erst 2001 in einer vollständigen, neuhochdeutschen Fassung vor.

Renaissance der Klosterheilkunde

Frühe Versuche, das Heilwissen der Mönche und Nonnen zu bewahren und zu modernisieren, begannen bereits im 19. Jahrhundert. Der bekannte Priester Sebastian Kneipp stieß jedoch auf erbitterten Widerstand seitens der weltlichen Apotheker und wurde 1853 wegen „Vergehens gegen das Kurierverbot“ zu einer Geldstrafe verurteilt. In Bielefeld verkaufte der heilkundlich bewanderte Tee- und Gewürzhändler Oskar Sarhage ab 1897 Produkte unter dem Markennamen Abtei, die auf Rezepturen eines befreundeten Ordensbruders basierten.[6] Durch den Erfolg von Hertzkas Hildegard-Medizin und die wissenschaftliche Erforschung der mittelalterlichen Texte begann Ende des 20. Jahrhunderts eine Renaissance der Klosterheilkunde.[7] Ab 1978 erstellte außerdem die Kommission E Monografien zu 378 Drogen und Drogenzubereitungen.[8] 1976 war die Pflanzenheilkunde durch das Arzneimittelgesetz anerkannt worden. Die bekannte Ärztin und Fernsehmoderatorin Antje-Katrin Kühnemann veröffentlichte 1986 ihr Buch Geheimnisse der Klostermedizin. Es berief sich auf Computer-Analysen historischer Therapievorschläge anhand der Pflanzeninhaltsstoffe durch das Institut für Pharmazeutische Biologie der Universität München.[9] Professor Hildebert Wagner, der Leiter des Instituts wurde damals wie folgt zitiert:[10]

„Zu 80 Prozent waren die Therapievorschläge richtig: Damals wurden Heilkräuter verordnet, die tatsächlich zum Beispiel zellwachstumshemmende Wirkstoffe enthalten.“

2002 erschien die erste Ausgabe des Handbuchs der Klosterheilkunde, in dem die 1999 gegründete Würzburger Forschergruppe Klostermedizin bereits auf alle Monografien der Kommission E zurückgreifen konnte. Co-Autor Bernhard Uehleke war zuvor Mitglied dieser Kommission gewesen. Außerdem standen nun deutlich mehr mittelalterliche Quellen zur Verfügung, an deren Erforschung mit Johannes Gottfried Mayer ein weiterer Autor des Buches maßgeblich beteiligt war.[11] Das Handbuch erreichte bis 2009 eine Auflage von 200.000 Exemplaren[12] und wurde in mehrere osteuropäische Sprachen übersetzt. Uehleke zum Erfolg des Buches:[13]

„Es gibt inzwischen ein enormes Interesse an traditionellen Systemen über den naturwissenschaftlichen Bereich hinaus. Viele Menschen sind es leid, mit ständig neuen Ergebnissen der Wissenschaft konfrontiert zu werden.“

Anfangs von der rationalen Phytotherapie noch belächelt und bisweilen auch kritisiert, ergaben Forschungen, dass ein "beträchtlicher Teil der heutigen Kräuterheilkunde auf die Klostermedizin zurückgeht".[14] Noch heute lassen sich in Hagers Handbuch "volkstümliche Anwendungen" finden, die im Falle von Beifuß, Eberraute, Knoblauch oder Brennnessel nachweislich auf den Macer floridus zurückgehen.[15]

Ausbildung

Eine staatlich anerkannte Ausbildung für Klosterheilkunde gibt es in Deutschland nicht. Es ist jedoch möglich, eine von den Ärzte- und Apothekerkammern anerkannte und mit Fortbildungspunkten honorierte Weiterbildung zu absolvieren.[16]

Moderne Werke

Einzelnachweise

  1. Tobias Niedenthal: Wie die Heilkunst in die Klöster kam. In: Rudolf Walter (Hrsg.): Gesundheit aus Klöstern. Verlag Herder, Freiburg 2013. S. 6 ISBN 978 3 451 00546 6
  2. Bölinger et al. 2007, S. 14
  3. Mayer et al. 2013, S. 29
  4. Niedenthal 2013, S. 7
  5. Mayer et al. 2013, S. 25
  6. Unternehmensporträt: Abtei – Die Naturmedizin. In: Handelsblatt
  7. Scharnagl 2005, S. 14
  8. Mayer et al. 2013, S. 31
  9. Kühnemann 1987, S. 10
  10. Kühnemann 1987, S. 10
  11. Wundsalbe aus Schafdung. In: Der Spiegel, Heft 38/2001, S. 174ff.
  12. Klostermedizin: Altes Heilwissen an der Universität Würzburg erforscht. In: Medizin-Aspekte, Oktober 2009
  13. Mayer et al. 2013, S. 32
  14. Gottesfürchtige Giftmischer. In: Der Spiegel, Heft 12/2010, S. 172f.
  15. Johannes Gottfried Mayer, Konrad Goehl: Kräuterbuch der Klostermedizin. Reprint-Verlag Leipzig 2013. S. 35 ISBN 978-3-8262-3057-8
  16. Ausbildung Klostermedizin und Phytotherapie der Forschergruppe Klostermedizin

Weblinks

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