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Die Katwijker Schule hatte ihre Zeit des Wirkens etwa von 1870 bis 1914[1] und war eine Künstlerkolonie, die dem Umfeld der Haager Schule zuzurechnen ist. Sie ist das Gegenstück in der Bildgattung der Landschafts- und Genremalerei zu der Oosterbeeker Schule und der Larener Schule. Sie ist Teil der internationalen Strömung des Impressionismus und dieser Lebensraum hatte in der Hochphase des Niederländischen Impressionismus eine starke Anziehungskraft auf Künstler aus den Niederlanden und dem Ausland ausgeübt. Wegen des seit Jahrhunderten unveränderten Fischereibetriebes, der unberührten niederländischen Küstenlandschaft - Geest - und der rauen See mit ihren wechselnden Winden war dieser Ort auch bei Künstlern schon seit dem 1. Goldenen Zeitalter der Malerei der Niederlande recht beliebt.

Katwijk im 1. Goldenen Zeitalter der niederländischen Malerei

In jener Zeit hatten Maler der Bildgattung der Landschaftsmalerei auch die Küstenlandschaft sowie das Leben der Heringsfischer zum Gegenstand ihrer Gemälde. Es handelt sich hier um statische Motive – die Fischerboote liegen schon auf dem Strand. Auch das Trocknen der Fischernetze wurde thematisiert. Beleg hier für sind von Jacob Esselens (1626–1687) „Der Strand von Katwijk“ (undatiert) und von Adriaan van der Kabel „Strand von Katwijk“ (etwa 1650/70).[2] Das Interesse von Malern an Motiven der Örtlichkeiten um Katwijk sollte bis heute nicht nachlassen.

Ursprung und Wirken der Künstlerkolonie Katwijk im 19. und 20. Jahrhundert

Zum Dorf Katwijk

Katwijk ist etwa 12 km nördlich von Scheveningen entfernt. Das Leben hier drehte sich um den Fischfang und das schon seit Jahrhunderten. Das sich dort abspielende Leben zwischen Küstenfischfang, dem Anlanden der Bomschuiten,[3] dem Verkauf des Fangs direkt am Strand und die einsamen Gezeitenfischer, die während der Ebbe das Watt absuchten, war bislang unberührt geblieben.[4] Um 1880 spürte man hier immer noch nicht die in den Niederlanden sich breit machende Industrialisierung.

Zwei Gruppen von Landschaftsmalern der Haager Schule

Die Maler der Haager Schule lassen sich in zwei Gruppen unterteilen. Und zwar diejenigen Maler, die den Bildgattungen der Landschaftsmalerei und dem Genre des Landlebens unter freiem Himmel und im Zimmer zuzurechnen sind und im Binnenland tätig waren.[5]

Der andere Teil hatte sich dem Leben des Strandes mit angrenzendem Hinterland als Landschaftsbild und dem örtlichen Genre zugewandt. Als Ort war zunächst Scheveningen interessant, was von Den Haag aus bequem zu Fuß zu erreicht war. Katwijk, das etwa zwölf km nördlich von Scheveningen gelegen ist, ist auch gut zu Fuß zu erwandern. Gerade diese Nähe und die Unberührtheit von Leben und Landschaft hatte eine große Anziehungskraft auch auf die Maler zum beginnenden 19. Jahrhundert ausgeübt.[6]

Scheveningen wird zum Strandbad und verliert seine Ursprünglichkeit

Hinzu kam das Interesse des Königshauses an Scheveningen als Reise- und Kurort. Die Badekultur hatte schon um 1820 begonnen und es folgten die ersten Kunstbauten. So waren im Jahre 1881 die Konzerthalle und 1884 das Kurhaus eröffnet worden. Auch wandelte sich das lokale Bild mit einer neu errichteten Uferpromenade sowie der Pferderennbahn für das gut betuchte Publikum – und alte Häuser mussten lukrativen Beherbergungsstätten sowie Ferienhäusern weichen. – So ging die Unberührtheit des ehemaligen Fischerdorfes endgültig verloren, die an für sich die dort seit Jahrhunderten lebende Künstlerkolonie erst hatte entstehen lassen. Dies führte zu vermehrtem Abwandern der Künstler. Man orientierte sich zum Norden hin.[7] So entstand aus einigen wenigen Malern dann diese bekannte „Katwijker Schule“ als neue Künstlerkolonie.

Die Sturmflut von 1894 und Katwijk’s Aufstieg

Ab etwa 1870 begann Katwijk zusehends in den Blickpunkt der Kunstmaler des „Niederländischen Impressionismus“ zu rücken. Es entstand zunächst eine kleinere Künstlerkolonie.

Ein wesentliches Ereignis sollte dazu führen, dass das Fischerdorf Katwijk sich zur blühenden Künstlerkolonie, also der „Katwijker Schule“, entwickeln sollte. In der Nacht vom 22. auf den 23. Dezember des Jahres 1894 hatte ein heftiges von Nordwesten kommendes Unwetter mit einer Sturmflut 134 Bomschuiten in die Dünen bzw. auf den Strand von Scheveningen geworfen. Ein großer Teil der Fischereiflotte von Scheveningen war damit zerstört worden.

Nach diesem tragischen Wetterereignis hatte man bei Hofe endlich den Bitten der Fischer entsprochen, den lange herbeigewünschten Hafen zu bauen.[8] Dieser war 1901 fertig gestellt worden. Er umfasste Liegeplätze, Wellenbrechern und Kaimauern. Damit waren die Motive der Herings- und Gezeitenfischer verloren gegangen, die über Jahrhunderte das Bild dieses Küstenstrichs und das Leben ihrer Bewohner erst geprägt hatten.

Künstlerkolonie Katwijk

Das Fischerdorf Katwijk, mit seinem Leben von der Herings- und Muschelfischerei und dem Hinterland, bot Künstlern eine einzigartige Motivvielfalt. Nicht nur Maler aus Den Haag wie Bernard Blommers und Jozef Israëls, sondern auch aus der Großstadt Amsterdam wie Johannes Hermanus Koekkoek und Jan Hillebrand Wijsmuller kamen hier her. Auch von Malern aus dem Ausland wurde dieser Ort gern aufgesucht, wie u. a. von Professor Eugène Dücker aus Deutschland von der Düsseldorfer Malerschule.[9] Darüber fanden auch German Grobe und Wilhelm Hambüchen den Weg nach Katwijk. Max Liebermann, der bekannteste Vertreter des "Deutschen Impressionismus", machte häufig Studienreisen an dieser Küsten und kam auch zu diesem Ort.

Es entstanden wieder Gemälde im Stile der Haager Schule der 2. Generation mit ihren Pastellfarben im Stimmungswechsel von Licht und Schatten, dem Wolken- und Wellenspiel sowie dem Fischerleben als Genre. Das Küstenstück und das Dorfgesicht waren Hauptthemata ihrer Werke.

Die Graue Phase der Haager Schule der 1. Generation lebte hier nicht mehr auf, zumal die hellere Palette des französischen Impressionismus wesentlichen Einfluß ausübte. Hier führte man die Tradition der Landschaftsmalerei des 1. Goldenen Zeitalters der Niederlande fort, allerdings im Stile des Impressionismus und hier wiederum mit den Augen eines Niederländers. Der Genremaler Pieter de Hooch (1629–1683) mit seinem warmen Kolorit und Pinselstrich stand bei den Innenraumszenen der Maler der Katwijker Schule Pate.[10]

Um das Jahr 1902 blühte das künstlerische Leben in Katwijk auf. Die Strandszenen des unberührten Fischerlebens, wo die Bomschuiten[11] noch von Pferden aus dem Watt an den Strand gezogen wurden, faszinierten. Auch die Dünenlandschaft des Hinterlandes sowie das Genre wurden hier gepflegt. Vornehmlich im Sommer kamen die Künstler. Einige der Künstler ließen sich hier sogar ganz nieder.

Kunstvereeniging Katwijk

Im Jahre 1908 wurde von Jan Toorop, Willy Sluiter, B.J. Blommers und G.A.L. Munthe die erste „Visscheriij-Ausstellungen“ organisiert. Dies ging mit der Gründung der Kunstvereeniging Katwijk einher. Es wurden nicht nur Schiffsmodelle und Netzen gezeigt, sondern das auf die Leinwand gebannte Leben in und um Katwijk wurde geschickt mit eingebunden. Es wurden auch Maler aus anderen Gegenden eingeladen, hier ihre Werke zu präsentieren. Es handelte sich in erster Linie um eine Verkaufsausstellung.[12] Diese kleine Kunstgenossenschaft existiert heute noch und pflegt zudem die Freilichtmalerei, jedoch ohne die klassischen Fischerboote auf dem Strand. Als Ausstellungsgebäude dient bis heute ein Haus in der Wassenar Quay (heute Wassenar Boulevard).

1920 – und die Bomschuiten verschwinden

In den etwa 44 Jahren zwischen 1870 und 1914 waren in und um das Fischerdorf Katwijk viele Maler tätig gewesen, die aus den Niederlanden sowie dem Ausland wie Belgien, Deutschland, England, Frankreich und den USA dort hin geströmt waren. Im Jahre 1920 verschwanden die Fischerboote – Bomschuiten – vom den Strand und damit hörte diese Malerkolonie endgültig auf zu existieren.

An jene kunsthistorisch wichtige Phase des niederländischen Impressionismus um das künstlerische Wirken um das Fischerdorf und die Katwijker Schule erinnernd, entstand das Katwijk Museum. Hier lebt jene wichtige Zeit über Dauer- und Wechselausstellungen zu dieser Kunstströmung des niederländischen Impressionismus fort, die auch mit Wegbereiter für die Moderne sein sollten.

Auswahl bekannter Künstler um Katwijk

Auswahl von Ausstellungen zum Impressionismus im Katwijk Museum

  • 1998 German Grobe (1857–1938)
  • 2004 Holländische Strände im Goldenen Zeitalter
  • 2006 Thussen–Katwijk–Paris, Ernst Pieters (1856–1932)
  • 2008 Willy Sluiters und die Kunstvereinigung Katwijk – (1908–1910)
  • 2009 Von Kattenburg nach Katwijk, H.W. Jansen (1855–1908)
  • 2010 J.E.H. Akkeringa, Schilder van het onbezorgde leven[16]
  • 2011 Katwijk in der Malerei
  • 2011 Nick van der Plas – ein Impressionist in Katwijk
  • 2012 Die Bergenser Schule in Bezug auf Katwijk
  • 2015 Grenzenlos Malerisch (Impressionismus)[17]

Quellenverzeichnis

Bücher

  • Kees Stal: De storm van 1894, de ramp die Scheveningen een nieuw gezicht gaf. Museum Scheveningen, 1994, ISBN 90-389-0282-4.
  • John Silveris, J. P. van Brakel, R. Siebelhoff: Katwijk in de Schilderkunst. Museum Katwijk, 1995, ISBN 90-800304-4-9.
  • Norma Broude: Impressionismus – eine Internationale Bewegung 1860–1920. Dumond Buchverlag, Köln 1990, ISBN 3-8321-7454-0.
  • John Sillevis, Hans Kraan, Roland Dorn: Die Haager Schule, Meisterwerke der Holländischen Malerei des 19. Jahrhunderts aus Haags Gemeentemuseum. Ausst.-Katalog. Kunsthalle Mannheim, Edition Braus, 1987, ISBN 3-925835-08-3.
  • Frouke van Dijke, Maartje van den Heuvel, Dik van der Meulen, Michiel Purmer: Holland op z’n mooist – op pad met de Haagse School. Ausstellungskatalog des Gemeentemuseums und Dordrechtmuseums. Uitgeverij WBooks, 2015, ISBN 978-94-6258-084-8.
  • Sheila D. Muller: Dutch Art. An Encyclopedia. Routledge Verlag, London 1997, ISBN 0-8153-0065-4.
  • Walther Bernt: Die Niederländischen Maler und Zeichner des 17. Jahrhunderts. Bruckmann Verlag, München 1979, ISBN 3-7654-1768-8 (Gesamtausgabe).
  • E. W. Petrejus: De bomschuit : een verdwenen scheepstype. (Museum voor Land- en Volkenkunde en het Maritiem Museum „Prins Hendrik“. Nr. 2). Rotterdam 1954, OCLC 23088615.

Einzelnachweise

  1. In anderen Quellen wird behauptet, das Ende dieser Künstlerkolonie sei im Jahre 1920. Dies mag mit der von Norma Broude aufgestellten These, der Impressionismus sei in der Zeit von 1860 bis 1920 anzusiedeln, übereinstimmen – siehe auch Norma Broude auf Seite 9 und 10. Es ist nur eine grobe, länderübergreifende Einschätzung, die die örtlichen und historischen Gegebenheiten nicht weiter berücksichtigt. Für diese regionale Schule von Katwijk sind die Kriegsereignisse Europas von 1914 bis 1918 ausschlaggebend und legen den Niedergang dieser Künstlerkolonie schon für das Jahr 1914 fest.
  2. Das Gemälde schlummert derzeit im Depot des Rijksmuseums zu Amsterdam.
  3. Diese ortstypischen Flachbodenschiffe mit einem Mast bestimmten den küstennahen Heringsfischfang. Sie hatten nichts mit der Loggerfischerei gemein.
  4. Dies trifft auch auf die ortsansässigen Handwerker wie u. a. Zimmermann, Reetdecker, Schuhmacher und Bäcker zu.
  5. Hieraus hatten sich in der Folge die größeren Künstlerkolonien von Oosterbeek und Laren und die kleineren wie u. a. Hattem, Veere und Staphorst entwickelt.
  6. Seit dem 1. Goldenen Zeitalter der Niederländischen Malerei war Scheveningen bei Künstlern der Unterbildgattungen der Dünen- und Strandlandschaft sehr beliebt. Damals suchte man auch schon Katwijk auf.
  7. Diese Entwicklung führte zum Entstehen neuer Künstlerkolonien in Katwijk aan Zee, Domburg, Noordwijk aan Zee und Egmond aan Zee. Der Ort des Schaffens hatte sich geändert allerdings hatten die Künstler die alte, vertraute Küstenlandschaft und das ursprüngliche Treiben der Herings- und Muschelfischer wieder vorgefunden.
  8. Die Niederen Lande und die Friesische Küstenlandschaft bis hoch nach Dänemark wurden immer wieder von großen Sturmfluten heimgesucht. Tragisch für die Küstenbewohner von Scheveningen waren sowohl die Allerheiligenflut vom 1. November 1570 als auch die fatale Petriflut vom 4./5. März 1651 – beide Male war dieses Fischerdorf mit seiner Fischfangflotte betroffen. Die Februarflut vom 3. bis 5. Februar 1825 und die Januarflut in der Nacht vom 30. zum 31. Januar 1877 veranlassten die Heringsfischer von Scheveningen, beim König um eine Sicherung ihre Existenz durch Schutzbauwerke für Land und Fischereiflotte zu ersuchen. Dieses Ansinnen stieß lange Zeit auf taube Ohren bis zu jenem denkwürdigen Ereignis vom Dezember 1894.
  9. Eugène Gustav Dücker war 1872–1916 Professor an der Düsseldorfer Malerschule in dem Fach Landschaftsmalerei. Er unternahm zahlreiche Studienreisen, so auch an die niederländische Küste. Er war maßgeblich an der Öffnung der Malerausbildung beteiligt, die kunsthistorisch heute als Dücker–Linie bezeichnet wird.
  10. Hier sei auf den Maler Constant Artz verwiesen; in seinem Gemälde, Mädchen in einem Waisenhaus in Katwijk, etwa 1860/1880, folgt er eben jenem Malstil eines Pieter de Hooch.
  11. Dieser Bomschuit ist ein nur hier eingesetztes Fischfangboot der Heringsfischerei mit einem Mast und als Slup getakelt. Dieses Flachbodenboot zeichnet sich durch eine sehr stabile Holzbauweise aus. Der flache Boden des Rumpfes erlaubte es, mit der Flut einkommend, den Anker zu werfen und bei Ebbe auf dem Strand aufzusetzen, ohne dass es Schäden gab.
  12. Das Pulchri Studio zu Den Haag mag hier Vorbild gewesen sein.
  13. Charles Paul Gruppé war Amerikaner, der im Jahre 1898 an der Koninklijke Academie van Beeldende Kunsten zu Den Haag sein Kunststudium begann und Unterricht auch bei Hendrik Willem Mesdag erhielt. Er wird der Haager Schule zugerechnet, wobei er bei der Wahl der Leuchtkraft des Malmittels zwischen der „Grauen Periode” der Haager Schule der 1. Generation und der Folgegeneration liegt. Er war Mitglied der Kunstgenossenschaft Pulchri Studio und der Kunstvereinigung Arti et Amicitiae.
  14. Thomas Busch Hardy war britischer Marinemaler und pflegte sowohl die Ölmalerei wie das Aquarell.
  15. Julius Huth war bekannter deutscher Marinemaler, der auch die holländische Küste bereist und die Untergatttungen Strand- wie Stadtgesichter in der Landschaftsmalerei dort festgehalten hatte.
  16. Johannes Evert Hendrik Akkeringa, Katwijks Museum.
  17. Ist in Ergänzung zur Ausstellung „Holland op z’n mooist – op pad met de Haagse School“ im Gemeentemuseum und Dordrechtmuseum von 2015 zu sehen.
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