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Die UNESCO verabschiedete 1972 das Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt – Welterbekonvention[1]. Zum Schutz des weltweit vorhandenen traditionellen Wissens und Könnens folgte 2003 das Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes. Mehr als 150 Staaten sind inzwischen der völkerrechtlich verbindlichen Konvention beigetreten, sie trat 2006 in Kraft. Die drei Listen des immateriellen Kulturerbes dokumentieren die Vielfalt lebendiger kultureller Ausdrucksformen aus allen Weltregionen.

Definition und Beispiele

Immaterielles Naturerbe umfasst Phänomene, Verhaltensweisen und Prozesse in der natürlichen Umwelt, die von Lebewesen mit allen Sinnen wahrgenommen und erkannt werden. Dabei handelt es sich im Speziellen um solche Phänomene, die die Erkenntnisfähigkeit und Entwicklung von Lebewesen, insbesondere des Menschen betreffen, und für das Überleben der Menschheit in Freiheit und Vielfalt von Bedeutung sind, und in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft reflektiert, abgebildet und bezeugt sind. Diese sind vielfach durch extensive und intensive Nutzung der Biosphäre gefährdet oder bedroht. Die Betrachtung und Erforschung des immateriellen Naturerbes kann in Naturschutzentscheidungen Eingang finden.[2]

Durch die voranschreitende biologische Globalisierung sind viele in der belebten Natur in Erscheinung tretende Anregungen für Kulturleistungen bedroht oder bereits verloren. Dies ist ein Prozess, der nicht erst in der Neuzeit in Gang gekommen ist, sondern in vielen Fällen schon vor Jahrtausenden begonnen hat.

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Zahlreiche Beispiele für bereits untergegangenes immaterielles Natur- und Kulturerbe finden sich in der Heiligen Schrift. Hier werden Tiere als Bedeutungsträger und metaphorische Verkörperung wichtiger Inhalte angeführt, die wir heute aber nicht mehr identifizieren können. So bleibt unklar, was ein Tahasch ist. Das arabische Wort Tuhas bezeichnet den Delphin und mitunter auch den Dugong. Manche Autoren identifizieren das Tier als Seehund, Giraffe oder sogar Dachs. Andere sehen in dem unbekannten Tier einen Narwal, berichtet doch der babylonische Talmud, dass es ein Horn getragen habe. Der Behemoth mag ein Flusspferd, ein Elefant, oder ein großes Rind gewesen sein, doch das genaue Bild, das die biblischen Autoren vermitteln wollten, ist verloren. Ebenso verhält es sich beim Leviathan, der ein Krokodil oder vielleicht auch ein Wal gewesen sein könnte. Unsicher ist auch die Identität des Tanniyn, bei dem es sich um ein Meeresreptil gehandelt haben könnte - ebenso gut aber auch um einen Schwarm Thunfische. Ein Tier namens Yachmur wird in der Bibelübersetzung zum Damhirsch. Das Wort könnte aber auch die nordafrikanische Kuhantilope (Alcelaphus buselaphus buselaphus) bezeichnen. Dieses Tier ist ausgestorben, weswegen wir heute nicht mehr nachvollziehen können, in welcher Weise es Gegenstand kultureller Reflexion gewesen sein mag.

Der Gedanke des immateriellen Naturerbes lässt sich auch anhand rezenter Beispiele illustrieren: Der Borstenwurm Samoa-Palolo, der im Indischen und Pazifischen Ozean verbreitet ist, zeichnet sich durch ein Fortpflanzungsverhalten aus, das zyklische, an Mondphasen gebundene Massenauftreten verursacht, die überall im Verbreitungsgebiet einen kulturellen Niederschlag gefunden haben.

Durch das Voranschreiten der biologischen und kulturellen Globalisierung und Homogenisierung der Welt sind viele Phänomene der belebten Natur und die an sie gekoppelten kulturellen Erscheinungsformen bedroht. Selbst wenn eine Art an sich nicht bedroht ist, können durch eine Verkleinerung der Population oder eine Veränderung ihres Habitats bestimmte Verhaltensweisen oder Phänomene untergehen. Der Verlust dieser Naturerscheinungen kann für den kulturschaffenden Menschen mit einer Verringerung der Gegenstände kultureller Reflexion einhergehen.

In Afrika werden überall, wo der Honigkuckuck (Indicator indicator) lebt, Geschichten um diesen Vogel erzählt. Der Vogel führt Menschen auf Honigjagd zu Bienennestern und erhält traditionell seinen Anteil an der Beute. Diese Symbiose und ihre kulturelle Reflexion sind im Verschwinden begriffen, da durch die Verfügbarkeit von Zucker im Handel die Honigjagd weniger praktiziert wird. Wenngleich der Honigkuckuck nicht zu den bedrohten Arten gehört, ist die mit der Symbiose Honigkuckuck-Mensch verbundene kulturelle Reflexion, und somit dieses immaterielle Naturerbe, bedroht.

Die Anerkennung einer Art als Träger immateriellen Naturerbes ist von ihrem rechtlichen Schutzstatus unabhängig und geht darüber hinaus: Die Beziehung von Verhaltensweisen einer Art und ihrer kulturellen Reflexion durch den Menschen ist der Wesensinhalt des immateriellen Naturerbes. Als solche ist sie Gegenstand des gesellschaftlichen Diskurses und interdisziplinärer Forschung.

Literatur

  • Robischon, M. (2012) Vom Verstummen der Welt. Wie uns der Verlust der Artenvielfalt kulturell verarmen lässt. Oekom Verlag München
  • Aharoni, I. (1938) On Some Animals Mentioned in the Bible. Osiris 5: 461–478
  • Smith W, Hrsg. (1863) A dictionary of the Bible, ed. by W. Smith.
  • Friedmann, H. (1955) The Honeyguides. U.S. National Museum Bulletin Nr. 208

Einzelnachweise

  1. Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt vom 16. November 1972 (BGBl. 1977 II S. 213, 215, dreisprachig)
  2. Tagung zum immateriellen Naturerbe an der Humboldt-Universität zu Berlin
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