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haGalil onLine ist eine Internet-Seite, die nach eigenen Angaben das „größte jüdische online-Magazin in deutscher Sprache“ mit etwa 300.000 Zugriffen monatlich (April 2005) darstellt. Der Name ist Hebräisch für Galiläa (הגליל).

Entstehung

Das Projekt wurde im Jahr 1995 von David Gall gegründet, der zusammen mit seiner Ehefrau Eva Ehrlich Herausgeber der Seiten ist. Betrieben wird die Website von München aus. Gall erklärte in einem Interview 2001 den Anlass der Gründung:[1]

Als ich mich 1994/95 beruflich erstmals intensiver mit dem World Wide Web beschäftigte, wollte ich auch wissen, was sich zum Thema Judentum im Internet finden ließ. Ich habe Begriffe wie Talmud, Schabath, koscher und anderes mehr eingegeben – und bin fast ausschließlich auf Nazi-Websites gelandet. Genauso sah das übrigens bei Suchbegriffen wie „Auschwitz“ oder „Hitler“ aus. Das war der Anfang von haGalil-online. Die allerersten Seiten, die wir ins Netz eingestellt haben, entstanden dann aber unter dem Schock der Ermordung des Ministerpräsidenten Jizhak Rabin im November 1995. […] haGalil ist dann allmählich gewachsen, und die Resonanz in Deutschland nahm mit der Verbreitung des Internets immer weiter zu. Schließlich haben wir uns entschlossen, den Dienst professionell zu betreiben. Damit reagierten wir auch auf die weitere Zunahme von Nazi-Seiten im Netz und die Tatsache, dass Antisemitismus das zentrale Merkmal neonazistischer Propaganda ist. Wir nahmen uns vor, dass wir jeder dieser Hetz- und Propagandaseiten hundert unserer Seiten mit echten Informationen entgegensetzen würden.

Inhalte

haGalil ist eine Artikelsammlung und ein Bildungs- und Informationsangebot zu vielfältigen Aspekten aktuellen jüdischen Lebens, Geschichte, Kultur und Religion. Hauptthemen sind Judentum und Israel und der Nahost-Konflikt sowie Judenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechtsextremismus, speziell in der Bundesrepublik Deutschland. Die Redaktion informiert über alle Richtungen des Judentums, vom Zionismus bis zu Oppositionsgruppen in Israel, etwa aus der israelischen Friedensbewegung. Ein Großteil des Angebots besteht aus thematisch relevanten Artikeln aus anderen Medien, Buchrezensionen, aktuellen Nachrichten und Hintergrund-Informationen.

Betreiber und Autoren

Träger und Betreiber ist der Verein haGalil e.V. mit Sitz in München. Zweck des Vereins ist Förderung von Wissenschaft und Forschung sowie der Völkerverständigung. Dieser Vereinszweck wird insbesondere verwirklicht durch wissenschaftliche Forschung, die Veröffentlichung der so gewonnenen Erkenntnisse in Druck- und EDV-Medien und durch Abhaltung von Kolloquien, Diskussionsforen, Bildungs- und Aufklärungsveranstaltungen. Dabei finden Publikationen und Veranstaltungen im Bereich der neuen Medien ganz besondere Berücksichtigung. Darüber hinaus werden Informationsveranstaltungen, Stadtrundgänge, Ausstellungen, Filmabende etc. für Lehrer und Schüler, Journalisten und andere Interessierte angeboten.

Die Seiten von haGalil-online werden regelmäßig von zehn bis zwölf Personen ehrenamtlich betreut. Hinzu kommen gelegentliche Mitarbeiter, die u. a. Chatrooms für Jugendliche im Internet betreuen.

Ziele

haGalil versteht sich selbst als Gegengewicht zu antisemitischen und neonazistischen Seiten im World Wide Web. Neben der Berichterstattung über jüdisches Leben und jüdische Kultur in Geschichte und Gegenwart in Deutschland und Europa, Entstehung und Entwicklung des Staates Israel sowie dessen Einbindung im Nahen Osten ist ein zweiter Arbeitsschwerpunkt, antisemitischer und rechtsextremer Propaganda im Internet entgegenzutreten. haGalil ist dabei vor allem durch drei Projekte zu deren Eindämmung bekannt geworden. Unter dem Motto „100 Seiten Wahrheit für jede Seite Lüge und Hass“ wurden Websites mit antisemitischen oder geschichtsrevisionistischen Inhalten von den höheren Suchmaschinen­rängen verdrängt.

Bekämpfung von Rechtsextremismus und Antisemitismus im Internet

Seit 1997 steht ein eigenes „Formular zur Meldung rechtsextremistischer Seiten“ bereit, um rechtsextreme, rassistische und antisemitische Internetangebote zu melden. Es hat sich inzwischen zum weltweit meistgenutzten Angebot dieser Art entwickelt. Monatlich gehen über zweihundert Meldungen bei der Redaktion ein. Jede Meldung wird auf die strafrechtliche Relevanz der angegebenen Website geprüft und gegebenenfalls eine Anzeige gestellt. Die Anwälte des Fördervereins haGalil e.V. konnten so in mehreren Fällen eine gerichtliche Verurteilung erwirken.

Das primäre Ziel ist jedoch, die unmittelbaren Urheber rechtsextremer Seiten zu ermitteln und Polizei sowie Verfassungsschutzbehörden entsprechend zu informieren. Erst an zweiter Stelle geht es darum, die Provider zur Entfernung der Internetpräsenz zu bewegen. Bei massivem Missbrauch bestimmter Internetangebote können so Maßnahmen nach dem Medienstaatsvertrag gegen den Provider ergriffen werden. Damit wurde eine der erfolgreichsten Initiativen gegen rechtsextremistische Propaganda im Internet aufgebaut. Nach Angaben der Redaktion folgten bis zu 50 Prozent aller Urteile gegen neonazistische und antisemitische Propagandadelikte im Internet auf Anzeigen von haGalil. Dabei müssten die Anwälte des Trägers Staatsanwälten und Polizei oft erst ihre Möglichkeiten klarmachen:

Oft heißt es ja, dass keine Strafverfolgung möglich sei, wenn Hetzseiten von ausländischen Servern „gehostet“, also verwaltet würden. Doch wenn der Herausgeber solcher Naziseiten nachweislich in der Bundesrepublik Deutschland sitzt, kann die Staatsanwaltschaft tätig werden. Wir finden uns dann in der seltsamen Rolle, Staatsanwälten zu erklären, dass sie die Pflicht zur Strafverfolgung haben – nicht, weil wir das wollen, sondern weil es so in den deutschen Gesetzen steht.

Der Internetdienst war es zum Beispiel auch, der als erster die häufig als antisemitisch eingestufte Rede des damaligen CDU-Abgeordneten Martin Hohmann bekannt gemacht hat.

Staatliche Initiativen, Rechtsextremismus im Internet durch Filtersoftware, Appelle an die Selbstverantwortung der Provider oder einen ethischen „Weltkonsens“ zu bekämpfen, wie ihn die frühere Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin anstrebte, beurteilt Gall dagegen skeptisch:[2]

Diese Initiativen bewirken aus meiner Sicht nichts, im Gegenteil: Sie sind sogar kontraproduktiv. Filtersoftware kann sehr schnell umgangen werden; die identischen Angebote finden sich dann eben unter anderen Adressen, und gerade Jugendliche sind sehr findig, wenn es ums Internet geht. Eine Selbstverantwortung der Provider ist aus meiner Sicht ebenso ein falscher Weg. Man sollte es nicht Privatunternehmen überlassen zu kontrollieren, was ins Internet eingestellt wird und was nicht. Der Provider verdient auch, wenn Neonazis die Nazi-Seiten anklicken. Und diese Seiten sind ja tatsächlich gut besucht. […] Es ist aber auch nicht sehr wahrscheinlich, dass sich arabische Länder einem Weltkonsens anschließen, der ihnen vorschreibt, was sie beispielsweise über Israel und den Nahostkonflikt publizieren dürfen. Man wird nie einen Weltkonsens darüber zustandebringen, was über Juden gesagt werden darf und was nicht. Das World Wide Web ist nunmal so angelegt, dass von jedem Rechner, an jedem Ort der Welt praktisch jede Information ins Netz eingestellt werden kann. […] Ich denke, die zuständigen Stellen haben die Brisanz des Problems, auch in Bezug auf islamistische Hetze, nie begriffen, und dementsprechend gering ist dann auch die Bereitschaft, sich mit erfolgreichen Lösungsansätzen auseinander zu setzen. Manchmal habe ich gedacht, dass wir abschalten müssen, weil wir allein diese Aufgabe nicht leisten können. Doch dann weiß ich, dass tausende von Schülern, die unsere Seiten lesen, die uns E-Mails schicken, an Internet-Foren teilnehmen oder auch anrufen, wieder auf Nazi-Seiten landen. Insofern wäre es verantwortungslos, haGalil aufzugeben.

Finanzierung

haGalil finanziert sich durch Werbeeinnahmen sowie Spenden. Zwischen 2002 und 2004 wurde es teilweise auch durch entimon, das Aktionsprogramms der Bundesregierung „Jugend für Toleranz und Demokratie – gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“ mit bis zu 100.000 Euro gefördert. Eine weitere Förderung wurde vom zuständigen Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Januar 2005 mit unterschiedlichen Begründungen, unter anderem einem Wechsel des Trägers, abgelehnt.[3] Die Werbeeinnahmen sind daher für den Fortbetrieb unaufgebbar geworden. Mit etwa 3,4 Millionen Seitenaufrufen von rund 320.000 Lesern monatlich gehört die Seite zu den großen Online-Diensten Deutschlands.

Hackangriff

Am 2. Februar 2006 gegen 6:00 Uhr wurde die Website gehackt und dabei alle Daten vom haGalil-Server gelöscht. Neben haGalil.com waren rund 60 weitere Seiten von dem Hackangriff betroffen. Einen Tag davor hatte haGalil die Mohammed-Karikaturen von Jyllands-Posten veröffentlicht und antisemitischen und antiamerikanischen Karikaturen gegenübergestellt. Dazu sagte David Gall:

Ich persönlich fand die Zeichnungen plump und dumm. Aber wenn die Reaktionen darauf bis zu Morddrohungen wie »Tötet die Dänen!« reichen, dann geht das über jedes Maß hinaus. […] Die IP-Adresse, von der aus eine entsprechende Datei eingesetzt worden ist, […] führt nach Katar. […] Technische Gründe und Versehen sind inzwischen auszuschließen und da muss ich wohl annehmen, dass haGalil aus ‚ideologischen‘ Gründen zerstört wurde. Dabei haben wir uns stets gegen die Schwarz-Weiss-Malerei und die Polarisierung gegen Muslime gewandt. haGalil hat sicher nie gegen den Islam Stimmung gemacht. In den Nazis, die wir in aller erster Linie, seit inzwischen zehn Jahren, bekämpfen, haben wir sogar einen gemeinsamen Feind gesehen. Durch das Virus aus Katar seien jetzt auch Seiten wie 'Klick nach Rechts' oder 'Nazis im Internet' verloren gegangen, wo jeder Bürger neonazistische Vorfälle melden konnte. […] Wir sind an einem Punkt angelangt, wo religiöse Auslegungen über den Wert von Menschenleben gesetzt werden. Da muss man gegenhalten – auch wenn es weh tut. Insofern fand ich es enttäuschend, wie schnell europäische Politiker einknickten und sagten, man müsse die Gefühle der Muslime respektieren. haGalil hat immer mit Muslimen das Gespräch gesucht. Denn gerade mit seinen »Gegnern« muss man sich unterhalten und gegen jede Polarisierung arbeiten.

Das mit den Ermittlungen betraute Landeskriminalamt Bayern will an Katar ein Rechtshilfegesuch wegen rechtswidriger Datenveränderung (§303a StGB) schicken. Ein Großteil der Daten war als Sicherungskopie vorhanden, so dass haGalil ca. zwei Wochen nach dem Angriff wieder online gehen konnte.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Gudrun Giese: Interview mit David Gall, Blick nach Rechts 25/2001
  2. Interview mit Gudrun Giese 2001, a.a.O.
  3. haGalil funkt SOS. Wegen Mittelstreichung droht dem jüdischen Internetmagazin das Aus
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