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Erziehungsdiktatur wird ein politisches System genannt, in dem eine nicht durch demokratische Wahlen legitimierte Minderheit der Mehrheit der Bevölkerung ihre Interessen und ihre Ideologie gewaltsam, also diktatorisch aufzwingt. Diese Gewalt wird als vorübergehend bezeichnet: Sobald die Mehrheit durch gezielte politische intentionale Erziehung eingesehen habe, dass die Machthaber objektiv Recht hätten, könne die Diktatur durch eine formale Demokratie ersetzt werden. Eine so definierte Erziehungsdiktatur beschränkt sich nicht auf den Bildungssektor, also auf die Bildung und Erziehung der nachwachsenden Generation, sondern erfasst alle Bereiche der Gesellschaft und Angehörige aller Altersgruppen.

Die wirkungsmächtigste Form der Erziehungsdiktatur entstand im Anschluss an die 1902 erschienene Schrift Was tun? von Wladimir Iljitsch Lenin. Lenin argumentierte, dass nur eine Avantgarde der Arbeiterklasse, damals noch die russischen Sozialdemokraten, in der Lage sei zu erkennen, was dem „Gemeinwohl“ entspreche, nämlich die „Sozialistische Revolution“ mit der Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln. Die Arbeiterschaft hingegen gelange von sich aus allenfalls zu der Einsicht, dass ihre materielle Lage verbessert werden müsse und dass sich die Arbeiter in Gewerkschaften zusammenschließen müssten (Vorwurf der „Nur-Gewerkschaftlerei“).

Harald Neubert rechtfertigt aus der Sicht des Jahres 2004 Lenins Praxis ab 1917: „Nach der Oktoberrevolution war Lenin mit mehreren praktischen, strategischen und theoretischen Aufgaben gleichzeitig konfrontiert: mit dem Friedensschluß mit Deutschland; mit dem erbitterten Kampf gegen eine starke innere und ausländische Konterrevolution; mit den Erfordernissen des wirtschaftlichen Aufbaus; mit der Schaffung einer sozialistischen Gesellschaft unter sehr ungünstigen, rückständigen, teils barbarischen Bedingungen; mit der Durchführung einer Kulturrevolution; mit den Konsequenzen des Scheiterns der erhofften Revolutionen in Deutschland und in anderen europäischen Ländern, wodurch Sowjetrußland zum Alleingang gezwungen war. Alle diese Faktoren schienen die Etablierung einer sogenannten Entwicklungs- und Erziehungsdiktatur zu rechtfertigen die aber später zur Stalinschen willkürlichen Gewaltherrschaft pervertierte.“ [1]

Die Partei Die Linke verurteilt 2015 ausdrücklich Lenins Ansatz: „Die Oktoberrevolution hat das letzte Jahrhundert entscheidend mitgeprägt und war der Beginn eines Versuchs antikapitalistischer Umwälzung, verbunden jedoch mit Einparteienherrschaft, Erziehungsdiktatur und weitgehender Negation bürgerlicher Freiheiten und Rechte.“[2]

Lenin geht wie Jean Jacques Rousseau von einem „Gemeinwohl a priori“ aus, das erkannt werden könne, also nicht Ergebnis von Kompromissen nach Verhandlungen sei. Lenin meint aber im Gegensatz zu Rousseau, dass die Mehrheit nicht zur Erkenntnis des Gemeinwohls in der Lage bzw. zu dessen Verwirklichung bereit sei. Die Erziehungsdiktatur ist nach Lenin durch die „objektive Richtigkeit“ ihrer geistigen Grundlagen (des „Wissenschaftlichen Sozialismus“) legitimiert. Westliche Demokratievorstellungen, denen zufolge Politik nur durch die Einhaltung formaler Verfahrensvorgaben legitimiert werden könne, lehnt Lenin ab. Besonders deutlich wird der Anspruch auf objektive Richtigkeit der Politik der „Partei neuen Typs“ in dem 1950 veröffentlichten Lied der Partei von Louis Fürnberg (Refrain: „Die Partei, die Partei, die hat immer Recht!“)[3]

Der Gedanke, es sei zulässig, „richtige“ Ziele in einer Diktatur gewaltsam durchzusetzen und Menschen „zu ihrem Glück zu zwingen“, bildete eine der zentralen Grundlagen der Herrschaft zunächst der Sowjetunion, später der Staaten des Ostblocks sowie der Volksrepublik China und anderer Staaten, in denen stalinistische Parteien eine Diktatur errichtet hatten.

So lobt z.B. Walter Weidauer, ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt Dresden, in einem Fernseh-Interview sich und die SED dafür, dass es ihnen gelungen sei, die Bürger Dresdens nach 1945 „umzuerziehen“.[4]

Einzelnachweise

  1. Harald Neubert: Lenins Erbe und sozialistisch-kommunistische Politik heute. Zeitschrift marxistische Erneuerung. Heft 57, März 2004, S. 144
  2. Alexander Recht / Paul Schäfer / Axel Troost / Alban Werner: Strategiedebatte? Eine Einladung Sozialismus extra. Juni 2015. S. 4
  3. Liedtext
  4. Der Turm – Die Dokumentation. ARD-Fernsehbeitrag. 3. Oktober 2012. 43'56 Minuten, (Interview: 18'57 bis 19'30)
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