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Denk-MAL-Prora ist eine Initiative des Historikers und Buchautors Stefan Wolter, die maßgeblichen Einfluss auf die Erinnerungskultur in Prora auf der Insel Rügen genommen hat. Seit der Anbringung einer Erinnerungstafel für die DDR-Bausoldaten im November 2010 gilt die aufarbeitungswürdige „doppelte Vergangenheit“ des Kolosses von Prora (KdF-Planungs- und Kasernen-Nutzungsgeschichte) politisch als unstrittig.

Denk-MAL-Prora – Verein

Prora+neuestes

Gedenktafel am Mehrzweckgebäude der Jugendherberge Prora

Angeregt durch die Publikation Hinterm Horizont allein – Der Prinz von Prora (1. Auflage 2005)[1] gründeten im Jahr 2008 ehemalige Proraer Soldaten, Bausoldaten und Sympathisanten den gemeinnützigen Verein Denk-MAL-Prora e.V. Ziel war es, die reale Nutzungsgeschichte des geplanten Seebades, insbesondere die Geschichte der Waffenverweigerer am Standort der heutigen Jugendherberge Prora, in die Erinnerung zurückzurufen. Im Jahr 2009 leistete der Verein die alleinige Bildungsarbeit zur DDR-Geschichte auf dem Jugendzeltplatz Prora.[2] Weithin ergebnislos forderte er vor und während des Umbaus der einstigen Kaserne zur Jugendherberge Prora (erfolgt nach Originalplänen aus der NS-Zeit) die Bewahrung baulicher Spuren aus der DDR-Nutzungsphase des Kolosses.[3]

Aufgrund politischer Widerstände, die sich sowohl gegen die Inhalte der Arbeit von Denk-MAL-Prora, als auch gegen die gleichberechtigte Beteiligung des Vereins an der Bildungsarbeit vor Ort richteten, löste sich der 35 Mitglieder zählende Verein zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit (2010) symbolträchtig wieder auf.[4] Ausschlaggebend war zuletzt die Art und Weise des über die Landeszentrale für politische Bildung (Schwerin) initiierten Verfahrens der Ausschreibung und Vergabe eines Bildungszentrums neben der Jugendherberge Prora. Der ausgewählte Bildungsträger unter dem Vorsitz der damaligen Rügener Landrätin Kerstin Kassner gab bekannt, dass künftig er die Anlaufstelle für Zeitzeugen sei.[5] In der Presseerklärung erhob der Vereinsvorsitzende Stefan Wolter den Vorwurf der „fragwürdigen selektiven und unglaubwürdigen Erinnerungskultur in Mecklenburg-Vorpommern“. Sie erlangte mediale Verbreitung.[6][7] Sowohl sie als auch die anschließenden Diskussionen um eine Erinnerungstafel für die Wegbereiter der friedlichen Revolution provozierten eine öffentliche Auseinandersetzung mit der Nutzungsgeschichte des Gebäudes der Jugendherberge Prora.[8][9][10][11]

Denk-MAL-Prora – Initiative

Im Anschluss an die Anbringung einer Erinnerungstafel für die Bausoldaten stellte die Landesfachstelle für Gedenkstättenarbeit „Politische Memoriale“ Mecklenburg-Vorpommern fest: „Die Auseinandersetzungen um den Erinnerungsort bezogen sich lange Zeit auf die Bedeutung Proras in der NS-Zeit, die DDR-Militärgeschichte war Gegenstand zumeist verklärender Ausstellungsprojekte. Ehemalige Bausoldaten im 2008 gegründeten Verein Denk-Mal Prora mahnten die Erinnerung an die Bausoldaten als Bestandteil einer kritischen Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte an. Die Diskussion um die Bewahrung von Überresten aus der Bausoldatenstationierung veränderte die Wahrnehmung des Ortes, von einem NS-Erinnerungsort zu einem Ort mit „doppelter Vergangenheit“.[12]

In diesem Sinne setzte Wolter auch nach der Auflösung des Vereins begonnene Projekte fort. Neben Bildungsimpulsen, Dokumentationen des einstigen Kasernenstandortes und der Sammlung von Zeitzeugenberichten wurden denkmalpflegerische Unterschutzstellungen bedeutsam: ein Wachtum in Mukran (2010) und das Ensemble der einstigen Wache vor Block IV mitsamt Denkmal von Otto Winzer, Namensgeber der Hochschule der NVA für ausländische Offiziere (2011). In Block I, dem ehemaligen NVA-Erholungsheim, werden die Treppen mit dem schmiedeeisernen Geländer bewahrt.[13]

Auch im Gebäude der Jugendherberge konnten auf Antrag Wolters wenige Nutzungsspuren aus der DDR bewahrt werden. Für die Arrestzellen in der heutigen Rezeption der Jugendherberge sowie einen ehemaligen „Klubraum“ gibt es Absichtserklärungen, diese in die künftige Bildungsarbeit einbeziehen zu wollen.[14] Die Besonderheit des Gemeinschaftsraumes ist ein Wandbild, das von einem Vorgesetzten und einem ehemaligen Bausoldaten gemalt worden ist und die Geschichte der Opposition veranschaulicht und somit eines der von Wolter wiederholt geforderten „Zeitfenster in die Geschichte“ ist.[15]

Anlässlich der Eröffnung des Naturerbezentrums Rügen durch die Bundeskanzlerin Angela Merkel (2013) erinnerte Wolter in einem offenen Brief an den ausstehenden Aufbau eines Bildungszentrums zur „doppelten Vergangenheit“ bei der Jugendherberge. Dies sei eine „nationale Aufgabe“: Prora verkörpere „den heimlichen Aufbau der Kasernierten Volkspolizei. Proraer Soldaten seien mitbeteiligt gewesen an der Niederschlagung des Volksaufstandes im Juni 1953 in Berlin sowie am Mauerbau 1961. Andererseits seien von Proraer Bausoldaten frühe Impulse für die Demokratisierung der Gesellschaft ausgegangen.“[16]

Denk-MAL-Prora – Schriftenreihe

Den Prozess der Annäherung an die geschichtliche Rolle der Kaserne Prora dokumentierte Stefan Wolter in der Schriftenreihe Denk-MAL-Prora. Mit ihr erhält der Koloss in Papier und Druckerschwärze einen „geistigen Denkmalschutz“ seiner realen Geschichte, der den Denkmalschutz der NS-Planungen ergänzt. Die Reihe gab maßgebliche Impulse für die Aufarbeitung der doppelten Vergangenheit vor Ort, andererseits beklagt Wolter wiederholt die Ausgrenzung der Initiatoren aus den laufenden Projekten der Bildungsarbeit (2011–2014). An Wolters Aufarbeitungen und Dokumentationen wird mittlerweile vielfach angeknüpft. So wurden im Jahr 2014 in einer Gemeinschaftsarbeit des Förderkreises Bausoldaten Prora e.V. und des vor Ort tätigen Bildungsvereins Prora-Zentrum zwei sogenannte ZEITSPLITTER bzw. Fenster in die Geschichte zugänglich gemacht, darunter die von Denk-MAL-Prora vor Jahren gesicherte Arrestzelle.[17]

Würdigung

Inoffizielle Würdigung erfuhr das Bemühen von Denk-MAL-Prora seitens der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2010.[18] Die Zeitschrift Chrismon ernannte den ehemaligen Vereinsvorsitzenden Stefan Wolter für seine Verdienste um Prora im November 2012 zum „Retter des Monats“.[19]

Literatur

  • Stefan Wolter: Kdf und Kaserne. (Un)sichtbare DDR-Geschichte in der Jugendherberge Prora. Spurensuche am Standort. Projekte-Verlag Halle, 2011, Band 1. ISBN 978-3-86237-503-5
  • Stefan Wolter (Hrsg): Geheime Aufzeichnungen eines Bausoldaten in Prora. Courage in der Kaserne, der heutigen Jugendherberge. Projekte-Verlag Halle, 2011, Band 2. ISBN 978-3-86237-630-8
  • Stefan Wolter: Asche aufs Haupt! Vom Kampf gegen das kollektive Verdrängen der DDR-Vergangenheit in Prora auf Rügen. Projekte-Verlag Halle, 2012, Band 3, ISBN 978-3-86237-888-3
  • Stefan Wolter (Hrsg): Kreuzfahrt vor dem Krieg. Mit dem Vergnügungsdampfer Meteor nach Norwegen – 1913. Projekte-Verlag Halle, 2012, Band 4. ISBN 978-3-95486-163-7
  • Wolfgang Repke: Prora, Block V, TH 4. Mein NVA-Reservistendienst 1988. Projekte-Verlag Halle, 2013, Band 5. ISBN 978-3-95486-388-4
  • Stefan Wolter: Pastorenkinder im Weltkrieg. Ein Lazarett- und Feldtagebuch von Tutti und Martin Begrich 1914–1918. Projekte-Verlag Halle, 2014, Band 6. ISBN 978-3-95486-455-3

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Stefan Wolter bei Perlentaucher
  2. Stefan Wolter: Der Prinz und das Proradies. Projekte-Verlag Halle, 2009.
  3. In Prora wird Geschichte der Bausoldaten ignoriert. Mitteldeutsche Zeitung, 21. August 2008
  4. Rügen: Denk-MAL-Prora e.V. stellt Arbeit ein. Blogspot-Portal von Ralf Eppinger (ruegenferien.blogspot.de)
  5. Gerit Herold (Interview): Prora-Zentrum: Wir verstehen uns als Anlaufpunkt. (PDF-Datei) Ostseezeitung, 4. August 2010
  6. Prora-Verein wirft Land „unglaubwürdige Erinnerungskultur“ vor. Märkische Onlinezeitung, 30. August 2010
  7. Philip Schroeder: Um Prora fliegen wieder die Fetzen. SVZ, 30. August 2010
  8. Zeitgeschichte regional. Mitteilungen aus Mecklenburg-Vorpommern. Heft 1, Juli 2009
  9. Stefan Wolter: Prora – vom „doppelten Trauma“ im Kampf ums Erinnern zu den ersten Ansätzen für eine gelingende Wende. Zeitgeschichte regional. Mitteilungen aus Mecklenburg-Vorpommern 2/10 14. Jg.
  10. Andreas Montag: Das Monsterhaus macht Staat. Mitteldeutsche Zeitung, 14. Oktober 2010
  11. Andreas Montag: Prora erinnert an Bausoldaten der NVA. Mitteldeutsche Zeitung, 23. November 2010
  12. Prora/ verschiedene museale Angebote und Bildungsträger. Politische Memoriale, abgerufen am 18. Februar 2014
  13. Stefan Wolter:Asche aufs Haupt! Vom Kampf gegen das kollektive Verdrängen der DDR-Vergangenheit von Prora auf der Insel Rügen Projekte-Verlag Halle, 2012.
  14. Prora-Zentrum (Hg.): Waffenverweigerer in Uniform. Rostock 2011.
  15. Stefan Wolter: KdF und Kaserne. (Un)sichtbare DDR-Geschichte in der Jugendherberge Prora. Projekte-Verlag Halle, 2011.
  16. DDR-Bausoldat fordert Bildungszentrum zu Militärstandort auf Rügen. epd-Pressemeldung, 22. Mai 2013, veröffentlicht auf noodls.com
  17. http://www.proraer-bausoldaten.de/html/termine.html
  18. Kleine Anfrage der Abgeordneten Gino Leonhard und Ralf Grabow, Fraktion der FDP – Umgang mit Bausoldaten am Standort Prora und Antwort der Landesregierung. Landtag Mecklenburg-Vorpommern, Drucksache 5/3853. 5. Wahlperiode, 3. November 2010
  19. Stefan Wolter hält die Erinnerung an die Bausoldaten wach. proraer-bausoldaten.de und denk-mal-prora.de, veröffentlicht bei Chrismon am 18. November 2012, abgerufen bei denk-mal-prora.de
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