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Die Betrachtung der Natur im Mittelalter ist Gegenstand unterschiedlicher Auseinandersetzungen mit dem Zugang des Menschen zu Natur und Umwelt im Mittelalter, im Spiegel seiner eigenen Identifikation und in der Philosophie.

Etymologische Reflexion des Begriffs „Natur“

Der Begriff „Natur“ stammt vom Lateinischen Wort natura, und bedeutet im Griechischen physis. In der Antike meinte der Begriff die Gesamtheit der Dinge, die ohne menschliches Zutun entstanden sind und unabhängig vom Menschen existieren. Das Ganze des Seienden und Werdenden bezeichnend, ist das organische Prinzip in der physis/Natur integriert. So wird der Organismus bei Platon als ein Abbild der lebendigen Welt gedacht. Bei Aristoteles ist die Natur das Werden der Materie, die Form- und Zweckursache.[1] Im Mittelalter tritt die Natur als Schöpfung Gottes auf, als eigenständig tätig, als lebendiges Grün (siehe auch Dominium terrae).

Natur in der mittelalterlichen Philosophie

Die Natur wird in der mittelalterlichen Philosophie als etwas sich stets Veränderndes gesehen. Diese Annahme bezog sich auf die antike Natur- und Weltanschauung. Schon der griechische Parallelbegriff bedeutet „wachsenlassen“, bzw. beschreibt ein prozesshaftes Geschehen.

Der Naturbegriff des Augustinus

Der Naturbegriff des Augustinus stellt die Natur unter die Perspektive der Veränderlichkeit: „Als Natur, die nach Ort und Zeit veränderlich ist, gilt der Körper; als Natur, die keinesfalls örtlich, sondern nur zeitlich veränderlich ist, gilt die Seele, diejenige Natur, die weder örtlich noch zeitlich verändert werden kann, ist Gott“. Augustinus gilt als der Hauptvertreter der christlich-platonischen Spekulation am Übergang der Spätantike zum Frühmittelalter. Er bearbeitet die Frage, warum Wunder als unnatürlich betrachtet werden können, wenn doch Gottes Wille die Natur jeglichen geschaffenen Dinges sei. Augustinus arbeitet auch mit der Natur-Metapher, also mit dem Buch der Natur. Seiner Meinung nach schrieb der allmächtige Schöpfer nicht nur die heilige Schrift, sondern auch ein zweites Werk – das Buch der Natur. In der kombinierten Ausarbeitung dieser beiden Bücher kommt Augustus zu folgendem Resultat: In Augustus' Verständnis zu seiner Theorie tritt die Natur gleichzeitig hinter ihre Repräsentation, also hinter den göttlichen Willen. „Insofern nämlich die Natur den göttlichen Willen repräsentiert bzw. als Manifestation dieses Willens erscheint, liegt es im Begriff der Natur, daß sie als solche und als ganz gute (buona) ist und daß das Übel nicht als positiver Bestandteil der Natur sein, sondern nur als Seinsmangel oder Beraubung des Guten (privatio boni) aufgefasst werden kann.“ Somit ist in Augustins' Augen festzustellen, dass es nicht notwendig sei, die Natur zu erforschen, da es keine Selbstständigkeit gebe und alles was passiert von Gott gelenkt werde. Wirkungsgeschichtlich prägend für das Naturbild der Menschen im Mittelalter ist Augustinus.

Deutung von Naturerfahrungen

Die Menschen im Mittelalter waren viel zu stark abhängig von der Natur, um ihre Erscheinungen zu ignorieren. Umweltveränderungen, Wetterumschwünge, Erdbeben, Vulkanausbrüche etc. brachten unterschiedlichste Deutungen mit sich. Diese Deutungen beziehen sich auf böhmische Annalen, in denen Naturerscheinungen aller Art aufgezeichnet wurden. Die natürlichsten Gebietsgrenzen waren die Grenzwälder, diese spielten auch bei Krieg eine große Rolle. Oft wurden die Gründe für Naturerscheinungen in Gottes Fügung gesucht. So wurde eine Mond-, und auch Sonnenfinsternis mit einer großen Menschensterblichkeit in Verbindung gebracht, da in diesen Zeiten viele Menschen gestorben waren. Aber auch Seuchen und Getreidefäule standen in Zusammenhang mit einer Sonnen-, oder Mondfinsternis. Wolfsgeheule soll eine unselige Zukunft des Landes bedeutet haben und ein Regenbogen war ein Zeichen von einer guten Landentwicklung.[2]

Personifikation der Natur

Im 12. Jahrhundert berichtete Bernardus Silvestris in seinem Werk „De mundi universitate libri duo sive Megacosmus et Microcosmus“ über die Natur als personifizierte Macht. „Das erste Buch beginnt mit der Schilderung, wie ´Natura´ vor das göttliche Wesen (hier als Noys (Nus) […] bezeichnet) hintritt und es bittet, durch sie aus dem formlosen Chaos die Welt zu bilden. Die […] sehr ausführlich beschriebene Erschaffung der Welt faßt Bernhard knapp […] zusammen:“ „Nus, durch ihre Bitten bewegt, stimmt gern dem Wunsch zu und verbindet so abwechselnd die vier Elemente miteinander. Neun Hierarchien Engel erschafft er im Himmel, befestigt die Gestirne am Firmament, setzt Tierkreiszeichen uns läßt unter ihnen die sieben Planeten kreisen. Vier Hauptwinde stellt er einander gegenüber. Es folgt die Schöpfung der Lebewesen und der Erde als Mittelpunkt.“

In Bernhards zweiten Buch plant Nus, das Werk der Natur durch die Erschaffung des Menschen zu vollbringen.

„Er rät der Natur, die Hilfe der Urania, die Bernhard Könige der Gestirne nennt, und der Physis, die in allen Dingen erfahren ist, in Anspruch zu nehmen. Natura wandert mit Urania durch die Himmelbezirke und sucht Physis auf. Im Beisein von Nus formt diese den Menschen.“

„Der Mensch wird als vollkommenes Wesen der Schöpfung von Nus und Natur erschaffen.Bernhard nennt die Natur sogar „unermüdlich gebärender Schoß“ und „Mutter der Zeugung“. Diese Attribute täuschen aber nicht darüber hinweg, daß die Natur ihre Tätigkeit nur auf den Wunsch Gottes hin ausüben kann […]“

Was Bernhards Vorstellungen betrifft, hatte er einen Nachfolger. Alanus de Insulis schrieb seine Werke ebenfalls im 12. Jahrhundert. In seinem Frühwerk bezeichnete er die Natur als „Kind Gottes und Schöpferin aller Dinge“ und „niedrige Magd des höchsten Meisters“. Die Tätigkeit der Natur gebiert den Menschen, durch Gottes Autorität wird er jedoch wiedergeboren. Alle Geschöpfe gehorchen der Natur, nur der Mensch stelle sich durch seine Laster entgegen. Aus diesem Grund entstanden die neun Bücher über die Pflichten des guten und vollkommenen Menschen, seine zweite Schrift. In diesem Werk ruft die Natur die Tugenden zusammen, welche Gott bitten, eine Seele für die Schöpfung zu geben. Er gibt sie ihnen. Am Schluss des Werkes findet ein Kampf gegen die Laster der Tugenden statt. Bei diesen gewinnen die Natur und der neue Mensch.

Die Naturbilder der beiden Autoren überschneiden sich, was die Abhängigkeit der Natur von Gott anbelangt. Speziell Alanus jedoch betont diese Abhängigkeit und Unvollkommenheit der Natur. Jedoch gesteht er ihr zu, selbstständige Werke zu schaffen, welche von Gott vervollkommnt werden. Was sich von Bernhards Ansicht komplett entfernt, ist die Bezeichnung der Natur. Sie ist für ihn keine Mutter Gottheit und „Mutter der Zeugung“. Er schildert sie als Jungfrau.[3]

Einzelnachweise

  1. novo-argumente.com
  2. Marie Blahova: Natur und Naturerscheinungen – Ihre Zusammenhänge in der böhmischen Geschichtsschreibung der Premyslidenzeit. In: Albert Zimmermann (Hrsg.): Miscellanea Mediaevalia – Mensch und Natur im Mittelalter. Bd. 21/2, de Gruyter, Berlin 1992, S. 831–850
  3. Johannes Zahlten: Zwei Aspekte im Naturverständnis Kaiser Friedrichs II. In: Albert Zimmermann (Hrsg.): Miscellanea Mediaevalia – Mensch und Natur im Mittelalter. Bd. 21/1. de Gruyter, Berlin 1992, S. 89–106
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